Als Shane, Ilya, Anya und Claudia in die Tiefgarage kamen, sah es dort aus, als habe eine Schulklasse versucht, den Ozean zu retten und dabei zuerst die Requisiten entführt.
Zwischen zwei Reihen geparkter Wagen standen mehrere Plastikmüllskulpturen vom Eis: eine silberne Qualle, zwei durchsichtige Seepferdchen aus Kanistern, ein halb eingeklappter Fischernetzbogen und eine Flaschenwelle, die gegen einen Betonpfeiler lehnte. Dazwischen lag ein Eisstock, mehrere leere Mineralwasserflaschen, dreißig Bierflaschen und ein Tablett mit leeren Aquavitgläsern, das jemand sehr ordentlich auf eine Motorhaube gestellt hatte.
Magnus stand mitten darin und hielt eine Bierflasche in der einen und den Eisstock in der anderen Hand.
„Ah“, sagte er. „Was habt ihr denn für lustige Masken und Mäntel? Ist das jetzt ein Mottotreff?“
Claudia sah erst ihn an, dann die Plastikqualle, dann die Gruppe österreichischer Kadetten, die sich um die improvisierte Betonstockbahn versammelt hatte.
„Warum“, fragte sie sehr ruhig, „spielen hier Jugendliche mit Meeresschrott in einer Tiefgarage?“
Kadett Schmalzl hob sofort die Hand, als sei dies eine Prüfung.
„Es handelt sich um ein inoffizielles Reaktions- und Zieltraining.“
Kadett Greilinger ergänzte: „Mit freiwilliger Flüssigkeitsaufnahme nach Trefferquote.“
„Aquavit, Bier oder Mineralwasser“, sagte Magnus. „Je nach Mut, Körpergewicht und Zukunftsplänen.“
Shane sah zu Ilya.
„Ich dachte, unser Abend wäre seltsam.“
Ilya deutete auf die silberne Qualle. „Das ist immer noch besser organisiert als die Defensive des Commonwealthverteidigungspaktes.“
Mehrere Kadetten lachten. Andere standen sofort strammer, weil sie nicht sicher waren, ob man über Bündnisdefensive im Beisein von Erwachsenen lachen durfte.
Anya trat vor.
„Wo ist Paloma?“
Die Kadetten sahen einander an.
Bauer räusperte sich. Berger sah zu Haberl. Haberl sah zu Ringhofer. Ringhofer sah zu Magnus. Magnus trank Bier und tat so, als sei er nur zufällig Teil der Realität.
„Wer ist Paloma?“, fragte Magnus schließlich.
Anya wurde ganz still.
„Eine junge Kubanerin? Als Zimmermädchen verkleidet? Sie ist mit drei wagenradgroßen Neptuniumringen hierherkommen und erwartet uns. Was habt ihr mit ihr gemacht? Und mit den Ringen?“
„Die Mademoiselle hieß Paloma? Der haben wir geholfen, die Kunstringe in ein eisweißes Auto des Hotels zu verladen. Sie wollte damit zum Hafen fahren, um sie irgendeinem reichen Gönner zu bringen, der sie oben bei der Effizienzpräsentation dazu befohlen hatte. Sechs von uns begleiten sie, um ihr zu helfen. Sie wissen schon, gegen böse dänische Hafenarbeitern in finsterer Nacht.“, erklärte Kadett Köck.
Kadett Walch hob vorsichtig die Hand. „Mutoi hat entschieden, dass eine Dame mit Spezialfracht nicht allein zum Hafen fahren soll.“
„Natürlich hat er das“, sagte Ilya.
„Komarova ist auch mitgefahren“, sagte Neuber. „Als Anstandsdame.“
Shane blinzelte.
„Für den Transport von Neptunium?“ fragte Claudia entgeistert und enttäuscht zugleich.
„Das haben sie nicht gesagt“, sagte Bögös.
Anya atmete einmal langsam ein.
„Kuba“, sagte Shane trocken. „Immerhin schön zu sehen, dass der internationale Sozialismus auch Fahrgemeinschaften bildet.“
Anya sah ihn mit sehr wenig Humor an.
„Wenn Paloma mit drei Ringen zum Hafen fährt, haben wir nicht mehr viel Zeit. Wir müssen das zweite vorbereitete Auto finden. Es muss ebenfalls einen Bleigepäckraum haben.“
„Alle Autos sind verschlossen“, sagte Pfingstner und deutete auf die Reihen der Lieferwagen, Limousinen und Servicefahrzeuge.
Anya zog eine Haarnadel aus ihrem hochgesteckten Haar.
„Nicht mehr lange.“
Ein kleiner, ehrfürchtiger Laut ging durch die Kadetten.
„Das ist illegal“, flüsterte Kassan.
„Das ist beeindruckend“, sagte Guldovacz.
„Beides kann stimmen“, sagte Shane.
Claudia trat währenddessen zu dem Wagen mit den zwei abgeschirmten Fässern. Ihr Dosimeter klickte schneller, sobald sie näher kam.
„Alle weg von den Fässern“, sagte sie.
Die Kadetten wichen sofort zurück.
„Wie weit?“, fragte Karner.
„So weit sie können.“
Sie wichen noch einmal zurück.
Claudia zeigte auf die Plastikmüllskulpturen. „Und diese Dinger da — Qualle, Welle, Fischernetzbogen, alles — schieben Sie vor den Aufgang zum Servicering. Eng. Quer. So, dass niemand schnell durchkommt.“
„Kommt jemand?“, fragte Kniewallner.
„Irgendwann kommt immer jemand“, sagte Claudia.
„Das ist keine seriöse Antwort“, murmelte Otti.
„Doch“, sagte Claudia. „Nur keine für halbstarke Kadetten.“
Magnus hob den Eisstock. „Österreichische Jugend, hessischer Auftrag. Ihr habt die Frau gehört. Plastikmüll an die Front.“
Die Kadetten setzten sich in Bewegung. Bauer, Berger und Björkhagen packten die Flaschenwelle. Löw und Sadnik zogen den Fischernetzbogen quer über den Durchgang. Hebberling und Holzinger rollten die silberne Qualle vor die Treppe. Rosegger versuchte, die Seepferdchen strategisch so zu platzieren, dass sie zugleich Hindernis und moralische Aussage waren.
„Nicht hübsch“, rief Claudia. „Blockierend.“
„In Österreich ist hübsch manchmal blockierend“, sagte Magnus.
„Dann haben Sie heute schon eine effizientere Kultur als Hessen.“
Anya kniete bereits neben einem dunklen Servicefahrzeug und bearbeitete das Schloss. Einige Kadetten standen in einem Halbkreis um sie herum, fasziniert wie bei einer Zaubervorführung.
„Sie macht das mit einer Haarnadel“, sagte Schörghofer.
„Meine Tante kann damit nur Krapfen zu Türmen hochstecken“, sagte Köck.
„Ihre Tante ist vermutlich nicht sowjetischer Auslandsdienst“, sagte Ilya.
„Ist sie nicht“, sagte Kök. Dann nach einer Pause: „Hoffe ich.“ Erst nach einer weiteren Pause zeigte er ungläubig mit dem Finger auf Anya. „Diese Frau ist sowjetischer Auslandsdienst?“
Das Schloss klickte. Anya öffnete die Fahrertür. Mehrere Kadetten jubelten leise.
„Ruhe“, sagte Claudia.
„Aber das war sehr cool“, flüsterte Kabicher.
„Es ist nur cool, bis jemand fragt, warum ihr gelernt habt, wie man Autos aufbricht“, sagte Shane.
Anya überprüfte den Innenraum, zog einen Hebel, öffnete hinten die Ladetüren und sah hinein. Der Gepäckraum war tatsächlich mit grauen Bleiplatten ausgekleidet. Darin lagen Gurte, zwei Warnwesten, ein zusammengeklappter Handhubwagen und eine Liste mit dänischen Abkürzungen.
„Gefunden“, sagte sie.
Claudia kam sofort dazu, sah hinein und nickte widerwillig.
„Gut. Die Fässer zuerst. Sie bleiben am weitesten hinten und werden gesichert. Danach die drei Ringe.“
„Warum zuerst die Fässer?“, fragte Leitner.
„Weil sie gefährlicher sind und bei einem Unfall auf keinen Fall auf die Straße rollen sollten“, sagte Claudia.
Ilya und Shane schoben den Wagen mit den Fässern an. Magnus wollte helfen, aber Claudia zeigte nur auf ihn.
„Sie nicht.“
„Warum?“
„Weil Sie nach Aquavit riechen, keinen Schutzanzug haben und wir in Hessen gesunde und zeugungsfähige Männer brauchen, wenn wir irgendwann ein freier Staat werden wollen.“
„Das ist kulturelle Diskriminierung.“
„Das ist deutscher Strahlenschutz.“
Magnus trat beleidigt zurück und beaufsichtigte stattdessen die Kadetten, die den Aufgang verbarrikadierten. Schmalzl, Schneider und Greilinger verkeilten den Fischernetzbogen zwischen Treppengeländer und Wand. Ringhofer schob den Eisstock als Stopper darunter.
„Wenn jemand da durchwill“, sagte Ringhofer stolz, „muss er erst den Ozean respektieren.“
Aus dem Servicegang drang ein fernes Klirren.
Claudia hob den Kopf.
Anya ebenfalls.
„Schneller“, sagte Anya.
Die Fässer wurden in den Bleiraum geschoben. Shane hielt den Wagen stabil, während Ilya die Gurte einhängte. Für einen Moment arbeiteten sie ohne Streit, und genau das machte es zwischen ihnen auffälliger als jeder Satz.
„Links höher“, sagte Shane.
„Ich sehe es.“
„Dann mach es.“
„Ich mache es.“
„Das ist nicht machen. Das ist beleidigt ziehen.“
Ilya zog den Gurt fester.
„Jetzt?“
„Besser.“
„Danke, Trainer.“
„Gern, Drama.“
Anya sah nicht auf, aber ihr Mundwinkel verriet, dass sie es gehört hatte.
Claudia überprüfte die Gurte, dann das Dosimeter.
„Tragbar. Nicht gut, aber tragbar.“
„Das ist mein Lebensmotto“, sagte Magnus.
„Ihr Lebensmotto bleibt bitte weiter hinten.“
Die restlichen drei Neptuniumringe kamen als Nächstes. Dafür mussten mehrere Kadetten mit anpacken: Karner, Kassan, Leitner und Walch nahmen den ersten, Greilinger und Haberl halfen beim zweiten, Pfingstner, Rosegger und Sackl beim dritten. Claudia kommandierte, Anya sicherte, Ilya hob, Shane stabilisierte.
„Nicht kippen“, sagte Claudia.
„Wir kippen nicht“, sagte Walch.
„Sie atmen schon zu optimistisch.“
„Wie atmet man pessimistisch?“, fragte Berger aus dem Hintergrund.
„In Hessen immer, wenn kein Belgier, Brite oder Niederländer daneben steht und lauscht“, sagte Magnus.
Claudia zeigte mit dem Finger auf ihn, ohne sich umzudrehen.
„Noch ein Wort, und Sie tragen ein Fass - mit bloßen Händen.“
Magnus verstummte sofort.
Aus dem Aufgang kam jetzt ein dumpfer Schlag. Plastik krachte. Die silberne Qualle wackelte, hielt aber.
Die Kadetten erstarrten.
„Was war das?“, fragte Sadnik.
Claudia zog den letzten Gurt fest.
„Der Grund, warum der Plastikmüll dort steht.“
„Sie sagten, irgendwann kommt immer jemand“, knauserte Otti.
„Ich war zu optimistisch, denn ich hoffte, irgendwann wäre später.“
Anya schlug die Hecktüren zu.
„Einsteigen! Nicht alle. Nur wer gebraucht wird.“
„Wer fährt?“, fragte Shane.
Anya hielt die Haarnadel hoch.
„Ich habe es geöffnet. Ich fahre.“
„Das beantwortet nicht, ob Sie fahren können“, sagte Shane.
„Du willst nicht wissen, wo und womit ich schon gefahren bin. Alle Kadetten weg vom unteren Aufgang, im schlimmsten Fall schießen sie. Shane und Ilya in den Wagen, aber nicht zu nahe bei den Fässern. Dr. Tiedemann, zu mir nach vorne!“
Claudia zog Ravns Universalkarte aus der Tasche und gab sie nicht aus der Hand.
„Das wird uns das vordere Tor öffnen, Ravns Universalkarte.“
Anya sah sie an.
Ilya sah zum blockierten Aufgang. „Die Kadetten?“
Mutoi war weg. Also trat Kadettin Bauer vor, etwas unsicher, aber sichtbar bemüht, verantwortungsbewusst auszusehen.
„Wir verteilen uns in der Deckung.“
Claudia sah sie an.
„Eine gute Lösung.“
Shane stieg hinten ein, Ilya neben ihn. Claudia setzte sich auf die andere Seite. Anya nahm vorn Platz, startete den Wagen und prüfte die Anzeigen.
Magnus trat ans Fenster.
„Soll ich wirklich nicht mitkommen?“
Claudia sah ihn an.
„Haben Sie einen Führerschein, Strahlenschutzausbildung oder irgendeine Eigenschaft, die in den nächsten zehn Minuten hilfreich ist?“
Magnus überlegte.
„Charme?“
„Bleiben Sie hier und trinken Sie noch etwas und lassen Sie uns in Ruhe!“
Anya legte den Gang ein.
Der Wagen rollte an.
Hinter ihnen krachte im Aufgang erneut Plastik. Eine Stimme fluchte gedämpft. Die Qualle hielt noch, aber nicht aus Überzeugung.
Kadett Schmid rief: „Österreich gegen unbekannte Verfolger steht eins zu null!“
„Nicht feiern“, rief Claudia aus dem Wagen. „Schieben!“
„Wer ist der schnellste unter ihnen?“
Kadett Leitner meldete sich sofort. „Ich breche die Rekorde.“
Anya gab ihm Ravns Universalkarte. „Halten Sie die neben den Kartenleser. Das sollte das Ausgangstor für uns öffnen.“
Die Kadetten versteckten sich hinter den Säulen, Magnus hob seine Bierflasche wie ein Feldherr mit sehr begrenztem Mandat.
Anya sah in den Rückspiegel.
„Jetzt müssen wir Paloma und die Ringe finden.“
Shane lehnte sich neben Ilya gegen die Bleiwand.
„Zu welchem Hafen sie unterwegs ist? Halb Kopenhagen liegt schließlich am Wasser.“
Anya lächelte nicht.
„Wenn wir sie nicht finden, dann lernt Kuba, dass die Sowjetunion bei sozialistischen Fahrgemeinschaften nachtragend ist.“
Ilya sah zu Shane.
Vor ihnen blieb das Licht der Ausfahrt auf Rot, obwohl Kadett Leitner die Karte in jeder denkbaren Weise gegen den Leser hielt.
Anya bremste.
Claudia sah hoch.
„Warum halten wir?“
Aus den Lautsprechern der Tiefgarage kam ein sachliches dänisches Signal, dann eine automatische Durchsage.
Statt dass der Schranken sich öffnete, fiel eine Betonwand mit erschreckender Geschwindigkeit von der Decke und riegelte die Garagenausfahrt hermetisch ab.
„Strahlenschutz! Stromberg hat wirklich an alles gedacht. Und Ravn nutzt das jetzt gegen uns als Falltüre“, ächzte Claudia.


