Anyas ölige Alternative

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Nachdem Claudia gegangen war, blieb in der Ehrenloge für einen Moment nur das leise Klingen von Porzellan zurück.
Prinzessin Indulan stand am kleinen Buffet, als die Tür sich öffnete.
Anya trat ein.
Sie trug noch immer das schwarze Einsatzoutfit unter dem Schutzmantel aus Bleigespinst. Vom Smaragdgrün des Empfangs war nichts geblieben.
„Frau Amasowa“, sagte Indulan. „Ich hatte Sie erwartet.“
„Das ist in monarchischen Räumen vermutlich ungewöhnlich.“
„Nicht immer. Manchmal hoffe ich nur, dass niemand kommt.“
Anya sah zum Buffet.
„Dann komme ich ungelegen?“
„Nein. Sie kommen nach Claudia. Das ist anders.“
„Anstrengender?“
„Strategischer.“
Anya nahm sich eine chinesische Schale mit Vanillepudding. „Sie haben eine bemerkenswerte Art, Niederlagen in Geschenke umzuwandeln.“
„Das nennt man in Dänemark manchmal Diplomatie.“
„In Moskau nennt man es Besitzstandssicherung.“
Indulan nahm eine gedämpfte Ananasscheibe.
„Und in Havanna wahrscheinlich Befreiung.“
„In Havanna nennt man es vermutlich: Paloma war schneller.“
Zum ersten Mal lächelten beide gleichzeitig.
Anya trat zur Glasfront. Von hier oben sah man die leere Eisfläche, die Ränge, die Werbetafeln, den Ort, an dem Kadetten Nestroy zitiert, Kinder Seegras getanzt, Spieler um fünf Tore gekämpft und ein verschwundener Physiker eine ganze Nacht verschoben hatte.
„Sie haben Stromberg sehr gut behandelt“, sagte Anya.
„Nein“, sagte Indulan. „Ich habe mich sehr gut verwandelt.“
„Das ist eine höfliche Form von Schonung.“
„Es ist eine monarchische Form von Kontrolle.“
Anya sah sie an.
„Monarchie ist ein eigenartiges System. Wenige entscheiden für viele und nennen es Tradition.“
„Und der Kollektivismus?“
„Viele arbeiten für viele und nennen es Zukunft.“
Indulan nickte leicht.
„Das klingt schöner.“
„Es ist auch richtiger.“
„Schönheit und Richtigkeit sind nicht dasselbe.“
Anya nahm einen Bissen von der poêlierten Feige und wunderte sich über den Buttergeschmack. „Schönheit ist oft nur der Vorhang vor Besitz.“
„Manchmal“, sagte Indulan. „Manchmal ist sie auch der Beweis, dass Menschen mehr brauchen als Brot, Pläne, Tabellen und die nächste Produktionsquote.“
Anya lehnte sich mit der Schulter an die Fensterlaibung.
„Das klingt nach einem Satz, den sehr reiche Menschen sagen, wenn sie erklären möchten, warum sie Kristalllüster brauchen und Arbeiter über eine Talgkerze zufrieden sein müssen.“
„Vielleicht. Aber auch arme Menschen schmücken Fenster, Gräber, Haare, Festtage, Brote und Kinderkleider. Schönheit ist nicht der Besitz der Reichen. Reiche Menschen haben sie nur teurer gekauft.“
Anya schwieg kurz.
Indulan reichte ihr einen kleinen Teller mit Pralinen.
„Nehmen Sie. Es ist leichter, über Ideologie zu sprechen, wenn man nicht hungrig ist.“
„Lenin hätte widersprochen.“
„Lenin hatte vermutlich seltener dänische Pralinen vor sich.“
Anya nahm ein Stück.
„Sie unterschätzen die Sowjetunion.“
„Nein. Ich unterschätze nur Staaten, die glauben, Menschen seien nützlicher, wenn sie weniger bewundern.“
„Bewunderung ist gefährlich. Sie macht ungenau.“
„Nur wenn man sie mit Unterwerfung verwechselt.“
Anya sah sie nun genauer an wie eine Frau, die ein unerwartet gutes Argument nicht sofort erschießen wollte.
„Sie wollen mir also beibringen, reiche Schnösel zu bewundern?“
„Nein, aber ich möchte Sie einladen, nicht nur ihre Lächerlichkeit zu sehen.“
„Das ist viel verlangt.“
„Nicht von Ihnen.“
Indulan ging zum Sekretär neben dem Thron und öffnete dieselbe Schublade, aus der sie zuvor Claudias Riga-Einladung genommen hatte. Diesmal zog sie einen goldfarbenen Umschlag hervor. Das Papier schimmerte warm, fast ölig, und trug ein geprägtes Wappen aus Perlen, Wellen und einer stilisierten Sonne.
Sie reichte ihn Anya.
„Manama“, sagte sie.
Anya nahm den Umschlag, ohne ihn zu öffnen.
„Bahrain? Im Osmanischen Reich?“
„Eine Juwelenauktion zugunsten bedürftiger Kinder. Sehr exklusiv, überfinanziert und ein guter Lernort, dass dekadente Reiche auch etwas Gutes tun können, wenn sie wollen. Und vermutlich voller Menschen, die Sie für politisch unbrauchbar halten werden. Es ist eine Frage des Willens, nicht des Geldes.“
Anya öffnete den Umschlag.
Darin lag eine Einladung auf cremefarbenem Karton:
Manama Pearl & Jewel Yardım Müzayedesi
Özel Kraliyet Ön Gösterimi
Çocuk Klinikleri ve Denizcilik Yardım Okulları Yararına
Darunter stand handschriftlich:
Für Frau Amasowa. Damit Schönheit nicht immer verdächtig bleibt. — Indulan
Anya las es zweimal.
„Sie schicken mich zu einer Juwelenauktion.“
„Ja. Es heißt übersetzt: Perlen & Juwelen-Wohltätigkeitsauktion, exklusive königliche Vorbesichtigung zugunsten der Kinderkliniken und der maritimen Hilfsschulen“
„Um mich politisch zu bekehren?“
„Nein, sondern um Ihnen zu beweisen, dass auch sehr reiche, sehr verwöhnte, sehr lächerlich gekleidete Menschen gelegentlich ein Herz für humanitäre Anliegen haben können.“
Anya hob den Blick.
„Gelegentlich.“
„Ich bin Monarchistin, keine Phantastin.“
Anya lachte leise. Es war kurz, aber echt.
„Und was soll ich dort tun? Diamanten bewundern?“
„Sammeln Sie Beobachtungen: Manama ist ein Ort, an dem Öl, Perlen, Schiffe, Banken, Wohltätigkeit, alte Familien und neue Macht sehr eng beieinanderstehen. Sie mögen doch Räume, in denen Lügen mehrere Sprachen sprechen.“
Anya steckte die Einladung nicht sofort weg.
„Sie wissen, dass ich dort nicht nur aus Vergnügen hingehen werde.“
„Natürlich.“
„Die Sowjetunion interessiert sich für den Golf.“
„Alle interessieren sich für den Golf. Manche geben es nur eleganter zu.“
„Und Sie geben mir eine Einladung, obwohl Sie wissen, dass ich sie verwenden werde?“
Indulan nahm eine zweite poêlierte Feige.
„Sie sind gefährlicher, als Ihr Thron behauptet.“
„Der Thron meiner Mutter und irgendwann meines Bruders behauptet gar nichts. Er steht nur herum und macht Gäste nervös.“
„Er macht Sie nicht nervös.“
„Ich bin mit ihm aufgewachsen. Das nimmt jeder Drohung etwas von ihrer Wirkung.“
Anya faltete die Einladung sorgfältig zusammen und legte sie in die Innentasche ihres Schutzmantels.
„Ich glaube trotzdem an Kollektivismus. Ich glaube, dass Schönheit ohne Gerechtigkeit Dekoration für Ausbeutung ist. Und ich glaube nicht, dass eine Juwelenauktion die Welt rettet.“
„Das hoffe ich sogar“, sagte Indulan. „Die Welt sollte nicht von Halsketten abhängig sein.“
Anya sah sie an.
„Aber?“
„Aber vielleicht kann eine Halskette ein Krankenhaus bezahlen.“
Anya nickte langsam.
„Sie argumentieren geschickt.“
„Ich nasche geschickt. Das Argument folgt.“
Von draußen kamen Stimmen. Vermutlich die Kadetten, die nach dem Photo wieder in eine neue Ordnung gebracht wurden. Magnus lachte irgendwo im Gang zu laut, dann wurde er von Mutoi offenbar zur Ruhe erzogen.
„Manama also.“
„Manama.“
„Perlen, Öl, reiche Schnösel und bedürftige Kinder.“
„Und wahrscheinlich jemand, der etwas versteckt.“
„Dann wäre der Abend nicht verschwendet.“
Indulan lächelte.
„Sehen Sie? Schönheit und Nützlichkeit müssen keine Feinde sein.“
„Sie sind aber auch keine Genossen.“
„Noch nicht.“
Anya betrachtete sie einen Moment lang, dann neigte sie den Kopf: Eine Anerkennung zwischen zwei Frauen, die beide sehr genau wussten, dass Freundlichkeit eine Technik sein konnte.
„Hoheit.“
„Frau Amasowa.“
Anya ging zur Tür, blieb aber kurz stehen.
„Falls ich in Manama einen reichen Schnösel mit Herz finde, werde ich ihn Ihnen melden.“
„Tun Sie das.“
„Falls ich nur reiche Schnösel finde?“
„Dann kaufen Sie nichts!“
Anya lächelte klein.
Indulan blieb allein in der roten Samtloge zurück, nahm eine Scheibe Lachs vom Buffet, um den Pralinengeschmack zu überdecken, und sah hinunter auf das dunkler werdende Eis. Die Arena war nun fast leer, aber irgendwo unter ihr lagen noch genug Geheimnisse, um mehrere Staaten wachzuhalten.
„Manama“, sagte sie leise. „Wird Ihnen gefallen, auch wenn es unkollektivierbar bleibt.“
Und zum ersten Mal an diesem Abend klang das Wort nicht nach Flucht, sondern nach dem nächsten sehr schönen Problem.

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