Magnus stolpert in die Garage

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Die Arenentiefgarage war nicht für Würde gebaut.
Sie war für Lieferwagen, schummrige Beleuchtung, Lüftungsschächte, Betonpfeiler und Menschen gedacht, die glaubten, niemand sehe ihnen zu, wenn sie durch Nebentüren verschwanden. Es roch nach kaltem Zement, Reifenspuren, Desinfektionsmittel, Bier und jener Sorte Geheimnis, die in einer Tiefgarage immer weniger glamourös wirkte als oben unter Kronleuchtern.
Zwischen zwei Parkreihen standen fünf entführte Plastikmüllskulpturen vom Arenaeis.
Eine silberne Qualle lag auf der Seite. Zwei aus Kanistern gebaute Seepferdchen standen als Ziele vor einer Ladesäule. Ein Torbogen aus Fischernetzen lehnte gegen einen Betonpfeiler.
Magnus hatte das sofort zu einem Sport erklärt.
„Betonstockschießen“, sagte er. „Hessische Variante. Man braucht keinen See, nur zu viel Selbstvertrauen.“
Ein Teil der österreichischen Kadetten des Jahrgangs Bär stand um ihn herum. Einige hielten Mineralwasserflaschen, andere Bier, zwei Kadetten übermütig Gläser mit Aquavit, als handele es sich um chemische Proben. Niemand war betrunken genug, um gefährlich zu sein. Aber mehrere waren bereits eindeutig gelöster, als das Leopoldinische Militärgymnasium es in seinem Jahresbericht formuliert hätte.
Dennis Mutoi hatte anfangs nur beobachtet.
Mit der strengen Miene eines Jahrgangssprechers, der innerlich bereits drei Ermahnungen, zwei Entschuldigungen und eine plausible Erklärung für die Schulleitung vorbereitete.
Magnus nahm einen der von oben entführten Stöcke, den niemand hätte haben dürfen, setzte ihn auf den Beton und schob ihn mit feierlicher Konzentration an.
Der Stein glitt erstaunlich gut über den glatten Garagenboden, streifte eine alte Pfütze, drehte sich beleidigt und traf die silberne Qualle direkt am Kopf.
Die Kadetten jubelten.
„Treffer!“, rief Kromoser.
„Das war kein Treffer“, sagte Mutoi. „Das war Vandalismus mit Sportbezug.“
Magnus verbeugte sich. „In Hessen nennen wir das Talent.“
„In Österreich nennen wir das Versicherungsfall“, sagte Eder.
Nach den Regeln, die Magnus erfunden und niemand rechtzeitig verhindert hatte, musste man bei einem Treffer wählen: Aquavit für Mutige, Bier für Gewöhnliche, Mineralwasser für Menschen mit Zukunft. Kromoser griff zum Bier. Höller nahm Mineralwasser und tat so, als sei das eine strategische Entscheidung. Kalaschek fragte, ob man bei einem Fehlschuss auch trinken dürfe, weil sonst das System Leistung diskriminiere.
Mutoi seufzte.
„Das ist pädagogisch verwerflich.“
„Dann spielen Sie für die Pädagogik“, sagte Magnus.
Das war der Fehler.
Mutoi trat aus dem Kreis, zog die Handschuhe fester und nahm den zweiten Stein.
„Österreich gegen Hessen“, sagte er.
Die Kadetten wurden sofort stiller. Nicht wirklich still. Nur auf jene Art gesammelt, mit der junge Menschen ein sinnloses Spiel in nationale Ehre verwandelten.
Magnus grinste.
„Endlich nimmt hier jemand den Meeresschutz ernst.“
Mutoi legte an, zielte auf die Plastikflaschenwelle und schob den Stein.
Er glitt sauber, elegant, fast diszipliniert über den Beton, wich im letzten Moment einer Ölspur aus und traf die Welle so präzise, dass sie nicht umfiel, sondern sich einmal um die eigene Achse drehte und wieder stehen blieb.
Für eine Sekunde herrschte absolute Stille.
Dann explodierte der Jubel.
„Österreich!“, rief Eder.
„Physikalisch zweifelhaft“, sagte Magnus. „Aber moralisch beeindruckend.“
Mutoi nahm sich ein Mineralwasser.
„Wir sind Kadetten. Wir müssen morgen noch Buchstaben bilden.“
„Auf Beton?“, fragte Höller im Scherz.
„Wenn Herr Stromberg zahlt, vermutlich auch auf Beton.“ meinte Mutoi. Dann blickte er die Reihen seiner Jahrgangskameraden an. „Gut, weil wir heute viel Applaus bekommen haben, soll es einen kleinen Mannschaftsbewerb geben. Aber alle ziehen die Jacken aus, damit nichts reißt oder schmutzig wird. Legt die Jacken alphabetisch geordnet auf die schwarze Limousine da. Und dann folgende Aufteilung: Mit Schüler Magnus vom Ignatius-Gymnasium in Fulda spielen zwecks Gleichberechtigung die Kadetten Bauer, Berger, Björkhagen, Bögös, Brunthaler, Caba, Eder, Fliesser, Gludovacz, Greilinger, Haberl, Hebberling, Höller, Holzinger, Kabicher, Kalaschek, Karner, Kassan und Kniewallner. Und mit mir spielen in der Mannschaft für Österreich Köck, Komarova, Kromoser, Kronawetter, Leitner, Löw, Neuber, Otti, Pfingstner, Ringhofer, Rosegger, Sackl, Sadnik. Schmalzl, Schmid, Schneidhofer, Schörghofer und Walch. Wir spielen über dreizehn Runden: Wer am Ende die meisten Treffer hat, dessen Land ist Sieger in der Bekämpfung von Meeresverschmutzung - und zahlt eine Runde für alle.“ Tosender Applaus, aus Belustigung oder Begeisterung, bestätigte die Auswahl der Gruppen. Da es nur den einen Eisstock gab, rannte Kalaschek nach vorne, um ihn hinter der Plastikwelle hervorzuholen und zur Startlinie zurückzubringen.
Kadettin Sackl kramte aus ihrer Handtasche eine Kreide. „Die habe ich noch vom Sternsingen in der Kaserne.“ lachte sie und zog eine saubere Startlinie zwischen zwei Säulen.
Da hörten sie das Rollen.
Nicht das saubere Gleiten eines Spielsteins. Nicht das Summen eines Lieferwagens. Es war ein schweres, metallisches Rattern, unterbrochen von einem keuchenden Atemzug und einem sehr leisen spanischen Fluch.
Paloma kam aus dem Servicegang über eine Rampe ganz hinten hervor.
Sie schob einen flachen Metallwagen vor sich her, auf dem drei wagenradgroße, dunkle Metallringe lagen, jeder mit Sicherungsbändern fixiert. Die Ringe waren groß, kalt, schwer und wirkten so wenig wie Galaausstattung, dass selbst Magnus für einen Augenblick das Grinsen verlor.
Paloma blieb stehen, sah die Plastikskulpturen, den Eisstock, die Kadetten, Magnus, die Getränke und den Torbogen aus Fischernetzen.
„Ich frage besser nicht“, sagte sie.
Magnus sah auf den Wagen.
„Muss das Servicepersonal nicht eher nur Handtücher oder Getränke servieren und keine…Was ist das eigentlich?“
Mutoi trat sofort vor. Haltung. Stimme. Verantwortung. Ein bisschen Aquavitdunst in der Luft, aber noch nicht in seinem Blick.
„Mademoiselle, benötigen Sie Hilfe?“
Paloma atmete aus, als habe sie genau auf diese Frage gewartet und nur vergessen, sie zu bestellen.
„Ja. Sehr dringend. Diese Ringe müssen zum Hafen. Dort wartet ein Bootstransport auf diese Spezialfracht. Die Herren oben haben beschlossen, dass alles sofort gehen muss, weil bei Galas offenbar immer jemand zu spät merkt, dass der Hafen einen Hafen hat. Und dann haben sie mich geschickt, weil ich beim Servieren eher ungeschickt bin.“
Kalaschek beugte sich über einen der Ringe.
„Was ist das?“
„Kunst“, sagte Paloma.
Magnus hob eine Braue.
Paloma sah ihn an und korrigierte sich.
„Technische Kunst.“
„Dänisch?“, fragte Höller.
„Das weiß ich leider nicht, ich bin nur ein einfaches Zimmermädchen.“ Paloma setzte ihr unschuldigstes Lächeln auf, denn hier hatte sie eine Gruppe willfähriger Helfer, die ihr eine große Arbeit abnehmen konnten, wenn sie die schweren Ringe in den Wagen heben würden.“
Das überzeugte die Kadetten mehr, als es sollte. Mutoi ging um den Wagen herum und betrachtete die Sicherungen.
„Zum Hafen also.“
„Zum Hafen“, bestätigte Paloma. „Ein Boot wartet. Wenn es nicht wartet, habe ich später ein sehr persönliches Gespräch mit einem Mann, der behauptet, Navigation sei eine Charakterfrage. Bitte helfen Sie mir einfach, die Dinge in den Lieferwagen des Hotels zu heben. Alles andere schaffe ich dann schon alleine. Im Hafen hilft mir jemand von den Hafenarbeitern.“
Eder griff bereits an den Wagen. „Wir können tragen helfen.“
„Nein“, sagte Mutoi sofort. „Wir koordinieren.“
Magnus lachte.
„Jetzt wird der Ozean militärisch gerettet.“
Mutoi ignorierte ihn und drehte sich zu den Kadetten.
„Kromoser, Eder, Höller, Kalaschek — mit mir. Wir helfen beim Verladen und fahren mit bis zum Hafen. Komarova, Sie begleiten uns.“
Kadettin Komarova, die bisher mit Mineralwasser in der Hand und sehr klarem Blick an der Ladesäule gelehnt hatte, hob den Kopf.
„Als was?“
„Als Anstandsdame“, sagte Mutoi. „Mademoiselle soll nicht mit fünf Männern allein im Auto sitzen müssen.“
Paloma sah ihn an. Dann lächelte sie.
Es war kein großes Lächeln. Nur genau warm genug, um sechs junge Menschen davon zu überzeugen, dass Hilfsbereitschaft gerade eine internationale Aufgabe geworden war. Und zugleich musste sie überlegen, wie sie diese überhilfsbereite Mannschaft loswurde, denn ihre wahren Freunde am Pier wären höchst unerfreut, wenn sie mit einer Handvoll Achtzehnjähriger anrücken würde.
„Wie ritterlich“, sagte sie. Sie deutete auf einen eisweißen Lieferwagen, an dessen Außenseite das Stromberglogo prangte. Sofort schoben die eingeteilten Kadetten den Wagen dorthin. Höller öffnete die Türe und wunderte sich: „Ist das ein Panzerwagen? Die Türen sind ja schwer als wären sie aus Stahl.“
Komarova musterte Paloma, dann Mutoi, dann die Ringe.
„Ritterlich ist oft das Wort, das Männer benutzen, wenn sie eine Frau in ein Problem hineinbegleiten, das sie selbst nicht verstanden haben.“
Paloma nickte anerkennend.
„Sie gefällt mir.“
„Mir noch nicht“, sagte Magnus. „Sie trinkt Mineralwasser und glaubt niemandem.“
Mutoi blieb fest.
„Komarova kommt mit.“
„Einverstanden“, sagte Komarova. „Aber ich sitze vorn.“
„Natürlich“, sagte Paloma.
„Und ich behalte den Stadtplan.“
„Noch besser.“
Magnus trat näher an Paloma heran und senkte die Stimme.
„Sie wissen, dass wir die Plastikmüllskulpturen nicht aus der leeren Halle heruntergeschleift haben.“
Paloma versuchte, den starken Aquavitatem magnus’ zu ignorieren.
„Ich hoffe es.“
Paloma sah kurz zu den jungen Leuten, die bereits gemeinsam die Ringe in den Wagen hoben.
„Sie helfen mir, weil sie glauben, dass Erwachsene wissen, was sie tun.“
„Das ist moralisch gewagt.“
„Ja“, sagte Paloma. „Aber praktischer als sich zu betrinken.“
„Kommen Sie aus Portugal? Wegen des Akzents?“, fragte Kadett Kniewallner, woraufhin Kadett Pfingstner ein kleines Liedchen anstimmte: „Schöne Isabella von Kastilien, mit deinen ganzen Utensilien, komm doch zurück zu mir nach Spanien.“ Dann setzte er ernsthafter fort: „Du siehst doch, das diese junge Frau aus Spanien kommt.“
Kadett Fliesser gruppierte sich dazu: „Ich war schon im Kloster Montserrat, eine beeindruckende Anlage, fast wie die Erzabtei St. Peter in Salzburg.“
Mutoi gab beim Auto bereits Kommandos.
„Kromoser links. Eder rechts. Höller, sichern. Kalaschek, nicht anfassen, bevor ich sage, dass Du es anfassen darfst.“
„Warum immer ich?“
„Weil du gefragt hast, ob man bei Fehlschuss trinken darf.“
„Das war philosophisch.“
„Das war ein Manipulationsversuch.“
Gemeinsam hievten sie den ersten Ring in den Laderaum. Das Metall war schwerer, als die Kadetten erwartet hatten. Kromoser fluchte leise, Eder biss die Zähne zusammen, Höller rutschte fast aus und wurde von Komarova am Kragen stabilisiert.
„Danke“, sagte Höller.
„Nicht ausrutschen“, sagte sie. „Das ruiniert Ausflüge.“
Paloma beobachtete mit Magnus beim zweiten und dritten Ring, obwohl er mehrfach betonte, dass Hessen historisch eher für Maschinenbau als für rätselhafte Hafenfracht zuständig sei. Am Ende lagen alle drei Ringe festgezurrt im Bleiraum.
Paloma schlug die Hecktüren zu.
Der Klang war dumpf und fast zu endgültig.
Mutoi stellte sich vor sie.
„Wir fahren mit.“
„Das ist nicht nötig.“
„Doch. Sie sagten Spezialfracht. Der Jahrgang Bär lässt eine Dame mit Spezialfracht nicht allein durch Kopenhagen fahren. Und wenn ich nur daran denke, was für gefährliche Gestalten unter den Hafenarbeitern herumlungern könnten.“
Paloma sah ihn an.
„Sie sind sehr jung für so viel Verantwortung.“
„Man wächst an Aufgaben. Außerdem haben wir heute Ausgang bis Mitternacht.“
„Dann sollten wir schneller sein als die Aufgabe.“
Magnus grinste. „Der Satz kommt in die Schülerzeitung.“
Paloma hatte in Sekundenschnelle die Entscheidung getroffen. Drei Ringe sicher war auf jeden Fall besser, als erneut mit den anderen herumzustreiten. Und wenn diese freundlichen Kadetten ihr wirklich das Geleit gaben, kam sie sofort aus der Garage und der Türhüter beim Auslass würde noch weniger dumme Fragen stellen, als wenn sie allein hinausgefahren wäre.
Komarova öffnete bereits die Beifahrertür.
„Wenn wir fahren, dann jetzt. Bevor jemand fragt, warum wir fahren.“
Paloma war einen Moment lang tatsächlich versucht, sie zu umarmen. Sie tat es nicht. Professionelle Frauen beherrschten ihre Dankbarkeit, besonders wenn sie gerade Neptuniumringe aus einer Tiefgarage schmuggelten.
„Einsteigen“, sagte sie.
Kromoser, Eder, Höller und Kalaschek kletterten in den hinteren Teil des Fahrzeugs, dort, wo zusätzliche Klappsitze zwischen Werkzeugkästen und der Bleiverkleidung angebracht waren. Mutoi nahm den Platz hinter Paloma. Komarova setzte sich vorn, nahm den Stadtplan und sah aus, als habe sie gerade beschlossen, im Zweifel das Kommando zu übernehmen.
Magnus klopfte gegen die Fahrertür.
„Falls das Kunst war, war sie sehr schwer.“
Paloma ließ das Fenster herunter.
„Falls jemand fragt, Sie haben nichts gesehen.“
„Ich bin Hesse. Wir sehen immer etwas und verstehen es erst später, wenn Belgien, Britannien und die Niederlande im Besatzungsrat zugestimmt haben.“ Er versuchte ein Grinsen. „Wir passen auf die Jacken der Kadetten auf und spielen weiter, bis sie zurück sind.“
Sie startete den Motor.
Die Kadetten im hinteren Teil riefen etwas, das wie eine Mischung aus Ausflugslied, militärischer Disziplin und schlechtem Gewissen klang. Mutoi versuchte, Ordnung hineinzubringen. Komarova sagte nur: „Zu welchen Hafenpier müssen wir. Dann suche ich es und navigiere auf der Karte.“
Paloma sah sie kurz an.
„Frachtpier 9 im Südhafen. Es sollte nur zwanzig Minuten dauern.“ Genug Vorsprung, falls die anderen Ravn entkommen. Paloma war über ihre Improvisation begeistert.
„Hier. Ich habe es gefunden.“
Der Wagen rollte an.
Magnus und die übrigen Kadetten blieben zwischen Plastikqualle, Bierflaschen, Mineralwasser und Eisstock zurück. Der Torbogen aus Fischernetzen kippte langsam gegen einen Betonpfeiler und blieb dort hängen, als wolle er ebenfalls auswandern.
Der eisweiße Servicewagen verschwand hinter einer Kurve der Tiefgarage.
Einen Moment lang war nur das Summen der Lüftung zu hören.
Dann sagte Magnus: „Ich glaube, Österreich führt jetzt beim Betonstockschießen.“
Schörghofer sah ihn entgeistert an.
„Gerade sind Mutoi, Komarova, Kromoser, Eder, Höller und Kalaschek mit einer fremden Frau und drei sehr schweren Metallringen zum Hafen gefahren.“
Magnus nickte.
„Ja. Aber mein Treffer gegen die Qualle zählt trotzdem.“
Von irgendwo tiefer im Servicegang kam plötzlich ein zweites metallisches Rollen.
Schwerer. Langsamer. Begleitet von Stimmen.
Magnus drehte sich um.

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