Die Schleuse öffnete sich nicht, aber jemand klopfte an die Tür. Ein dumpfer Schlag lief durch die äußere Tür, dann ein zweiter, gefolgt von einer Stimme, die durch zwei Lagen Dichtung und Beton klang.
„Anya!“
Claudia und Anya sahen einander an.
Die sechs Neptuniumringe oszillierten hinter ihnen weiter, langsam, dunkel, unmöglich. In der Mitte atmete das Pleistozän in die Wand hinter dem Reaktorraum. Weißes Licht, Schnee, Wind, Kälte. Der Mikrokugelhaufengenerator summte daneben mit der beleidigenden Ruhe einer Maschine, die nicht wusste, dass sie gerade Geschichte, Physik und internationale Sicherheit gleichzeitig ruinierte. Blauer Schimmer drang hinten aus dem Abklingbecken.
„Sie haben doch jemanden mitgebracht“, sagte Claudia.
„Nein“, sagte Anya. „Er muss mir nachgeschlichen sein.“
„Und das haben Sie nicht bemerkt?“
Ein dritter Schlag.
„Ich weiß, dass Sie da drin sind“, rief Ilya. „Und bevor Sie beide entscheiden, ob ich ein Sicherheitsrisiko bin: Die Antwort ist ja, aber ich bin ein nützliches.“
Anya schloss kurz die Augen.
„Das ist Rozanow? Sie haben einen Eishockeyspieler in ein Hochsicherheitslabor mitgebracht. Der kann doch sicher nicht einmal bis drei zählen?“, sagte Claudia. Sie sah zur Schleuse. „Aber wenn wir ihn draußen lassen, löst er vielleicht noch einen Alarm aus.“
„Wenn wir ihn hereinlassen, redet er.“
„Das tut er draußen auch.“
Anya nickte widerwillig. Sie trat zur Steuerung, öffnete aber nicht sofort die innere Tür. Stattdessen aktivierte sie die Gegensprechanlage.
„Ilya.“
Ilyas Stimme kam verzerrt aus dem Lautsprecher. „Amasowa.“
„Du hättest in meiner Suite bleiben sollen.“
„Ich bin sowjetischer Sportler. Gehorsam ist nicht meine Spezialdisziplin.“
„Nur bei Trainerinnen, nicht bei Agentinnen?“
Claudia strich über ihren grauen Schutzmantel.
„Er kommt nicht ohne Schutz hinein.“
Anya drückte die Gegensprechtaste erneut. „Im Materialraum links hängen Schutzmäntel. Nimm einen und zieh ihn über. Dosimeter an den Kragen. Handschuhe. Und fasse nichts an, das teuer aussieht.“
„Das ist in Kopenhagen fast alles.“
„Dann fasse einfach nichts an.“
Durch die kleine Beobachtungsscheibe sahen sie, wie Ilya im Vorraum den Schutzmantel überzog. Er tat es unwillig, aber nicht ungeschickt. Den Kragen ließ er zuerst offen, bis Claudia über die Sprechanlage sagte: „Ganz schließen. Strahlung ist kein Windzug, Herr Rozanow.“
Dann schloss er den Mantel. Erst danach öffnete Anya die innere Schleusentür. Ilya trat ein.
Der Schutzmantel machte ihn breiter, nicht weniger auffällig. Unter dem grauen Stoff sah man noch immer den Sportler, die Anspannung, die zu schnellen Augen. Er trat zwei Schritte in den Raum, dann blieb er stehen.
Zum ersten Mal an diesem Abend sagte er nichts.
Sein Blick ging vom Generator zu den Ringen, von den Ringen zu dem weißen Ausschnitt in der Luft, dann wieder zurück zu Claudia und Anya.
„Ist das ein Gezeitenkraftwerk?“, sagte er schließlich.
„Nein“, sagte Claudia schroff. „Das ist ein Kugelhaufenmikroreaktor und ein Kälteportal.“
Ilya sah weiter auf das Portal. „Ist das Schnee?“
„Pleistozäner Schnee“, sagte Claudia.
„Plei…was?“, sagte Ilya. Anya stellte sich neben ihn, ohne ihn aus den Augen zu lassen. „Warum bist du uns gefolgt?“
Er sah kurz zu ihr, dann zu Claudia.
„Weil Shane nicht der Einzige ist, der dumme Entscheidungen treffen kann.“
Anya antwortete nicht. Claudia trat an das Terminal des Mikrokugelhaufengenerators.
„Dann hören Sie zu. Das hier ist der erste Teil. Ein Mikrokugelhaufengenerator. Kompakt, sehr sauber abgeschirmt, extrem effizient. Er liefert stabile Leistung, weit stabiler, als eine Anlage dieser Größe liefern dürfte. Allein das wäre schon Grund für drei internationale Untersuchungen und mindestens einen sehr nervösen Minister.“
Ilya trat näher, blieb aber diesmal von selbst auf Abstand.
„Also doch ein Reaktor. So wie eine Gezeitenturbine, nur mit Kugeln?“
„Ja. Aber nicht der alte Albtraum mit Turm und Dampf und politischen Sonntagsreden. Eher ein kleiner, bösartig perfekter Stern in keramischer Verpackung.“
„Kann er explodieren?“
„Alles kann explodieren, wenn Menschen ehrgeizig genug sind. Aber das ist nicht sein Hauptproblem. Die Kernspaltung verläuft innerhalb der Kugeln, erhitzt das Wasser und betreibt damit Turbinen, die wiederum Strom erzeugen, sehr viel Strom.“
Anya deutete auf die Ringe. „Das ist sein Hauptproblem.“
Claudia nickte. „Sechs Neptuniumringe. Sie halten ein temporales Fenster stabil. Der Generator versorgt die Steuerung mit Strom. Das Gezeitenkraftwerk darüber ist Tarnung und Kühlwasserlogistik. Es erklärt Pumpen, Kanäle und Wasserbewegungen, ohne dass jemand auf die Idee kommen muss, hier unten nach der Eiszeit zu suchen.“
Ilya starrte in das Weiß zwischen den Ringen.
„Sie meinen das ehrlich? Oder verkaufen Sie einen Hockeyspieler für blöd?“
„Leider ehrlich.“
„Das ist ein Loch in der Zeit?“
„Kein Loch. Ein stabilisierter thermischer Zugriff.“
„Das ist Wissenschaftlersprache für Loch.“
„Nein. Wissenschaftlersprache für Loch wäre Loch.“
Anya wurde ungeduldig. „Es zieht Kälte aus der Eiszeit in die Gegenwart. Darum geht es.“
Ilya sah zu ihr. „Und Sie sagten, das sei eine Waffe.“
Anya trat an das Display und zeigte auf die Werte. „Mit dieser Effizienz kann man große Mengen Wasser gezielt abkühlen. Nicht nur eine Eishalle. Nicht nur ein dänisches Hafenbecken. Eine Fahrrinne, einen militärischen Korridor, eine Engstelle oder das Dock der britischen Atlantikflotte oder der französischen Basis auf Martinique. Man könnte Schiffe stoppen, Schrauben einfrieren, Sensoren zerstören, U-Boote in Druck- und Eisprobleme zwingen. Man müsste nicht einmal feuern. Man verändert die Umgebung, bis der Gegner sich selbst verliert.“
„Ein Tor aus Eis“, sagte Ilya leise.
Anya sah ihn an.
Er blieb beim Bild. „Man stellt es nicht vor den Gegner. Man stellt es um ihn herum. Er fährt hinein, und plötzlich spielt er nicht mehr sein Spiel.“
„Genau“, sagte Anya.
„Hormus“, sagte Claudia.
Anya nickte. „Hormus, Malakka, Bosporus, Panamakanal,Sund oder die Suez-Zugänge. Jeder Ort, an dem Wasserstraße Macht bedeutet.“
Ilya hörte zu, aber sein Blick blieb auf dem Portal. Der Schnee dahinter bewegte sich, als sei irgendwo in einer Zeit ohne Menschen ein Sturm unterwegs. Kälte floss durch die Ringe und strich über den Boden des Reaktorraums unterhalb der Wandöffnung der Kühlung oben.
„Nein“, sagte er dann.
Claudia sah ihn an. „Nein?“
„Das ist nicht sein Plan.“
Anya wurde still.
„Strombergs Plan?“, fragte sie.
Ilya nickte.
„Er ist kein Admiral. Er denkt nicht wie jemand, der ein Schiff anhalten will.“
Anya verschränkte die Arme. „Männer mit Geld lernen schnell, wie Admiräle denken.“
„Vielleicht. Aber er liebt das Meer.“
Claudia schnaubte. „Das ist ein sehr gefährlicher Satz über einen Mann mit verstecktem Reaktor.“
„Ich meine nicht freundlich. Fanatisch.“ Ilya trat näher an die Abschirmung der Ringe. Seine Atemwolke wurde weiß. „Er redet nicht über Schiffe. Er redet über Ozeane, als wären sie krank und nur er hätte die Diagnose verstanden. Er will keine Containerschiffe kühlen. Er will keine Eishallen betreiben. Die Arena war nur der Test.“
Anya betrachtete ihn jetzt anders.
Ilya sprach weiter, langsamer, als müsse er die eigene Einsicht erst auf dem Eis sehen, bevor er sie aussprechen konnte.
„Ein Spieler, der um jeden Preis gewinnen will, hört irgendwann auf, Tore zu schießen. Er will den Gegner brechen. Nicht besiegen. Brechen. Strombergs Gegner ist die Ozeanerwärmung. Und wenn er dieses Ding groß genug baut, dann versucht er nicht, einzelne Wasserstraßen zu blockieren. Dann stellt er großtechnische Versionen davon an Küsten, an Strömungen, an warmen Meereszonen auf.“
Claudia wurde sehr ruhig.
„Um die Meere zu kühlen?“, sagte sie.
„Ja.“
Der Satz fiel in den Reaktorraum und blieb dort liegen, schwerer als alle Messwerte.
Anya sah auf die Ringe. „Das wäre größer als eine Waffe.“
„Nein“, sagte Ilya. „Schlimmer. Eine Waffe weiß meistens, dass sie eine Waffe ist. Das hier wäre eine Rettung, die nicht aufhört, wenn sie anfängt zu töten.“
Claudia ging langsam zum nächsten Terminal. Ihre Finger flogen über die Eingabe. Datenfenster öffneten sich: Temperaturgradienten, thermischer Import, Stabilitätsfenster, Ozeanmodelle, nicht vollständig, aber genug, um den Verdacht zu bestätigen. Sie las und wurde blasser.
„Da sind Vorstudien“, sagte sie. „Nordsee. Labradorstrom. Beringmeer. Arabisches Meer. Keine militärische Nomenklatur. Klimatische Nomenklatur.“
Anya trat neben sie.
Ilya sah weiter in das weiße Fenster.
„Fauna und Flora“, sagte er. „Strömungen. Plankton. Fischzüge. Eisgrenzen. Wenn er zu viel kühlt, stirbt nicht die Erwärmung. Es stirbt alles andere.“
Claudia nickte langsam. „Temperatur ist kein einzelner Gegner. Sie ist ein Verhältnis. Ozeane sind keine Eiswürfel in einem Glas.“
„Sagen Sie das Stromberg“, sagte Anya.
„Ich würde gern, aber ich fürchte, er leitet gerade eine Präsentation über Energieeffizienz.“
Ilya sah zu Claudia. „Was passiert, wenn man aus der Eiszeit viel mehr Kälte nimmt?“
Claudia atmete aus.
„Das ist die falsche Frage.“
„Antworten Sie trotzdem!“
Sie sah auf das Portal, und zum ersten Mal wirkte sie nicht nur gereizt oder brillant, sondern ehrlich beunruhigt.
„Nach dem Grundsatz der Thermodynamik verschwindet Wärme nicht. Energie verschiebt sich. Wenn wir Kälte in unsere Gegenwart holen, heißt das physikalisch: Wir verändern einen Temperaturgradienten. Irgendwo wird Wärme aufgenommen. Wenn dieses Fenster wirklich mit dem Pleistozän gekoppelt ist, könnte die Eiszeit lokal wärmer werden.“
Ilya blinzelte. „Und das verändert unsere Vergangenheit?“
„Ich weiß es nicht.“
Das war das Schlimmste, was Claudia Tiedemann sagen konnte.
Anya hörte es sofort.
„Sie wissen es nicht?“
„Nein. Weil niemand mit Verstand so ein Experiment großskalig machen würde.“
„Aber theoretisch?“
Claudia sah auf die oszillierenden Ringe. „Theoretisch könnte es Rückkopplungen geben. Vielleicht nur lokal. Vielleicht gar nicht kausal in unsere Linie. Möglicherweise verändert es nur einen isolierten thermischen Zustand, aus dem Stromberg Energie stiehlt. Im schlimmsten Fall aber greifen wir in eine Vergangenheit, die mit unserer Gegenwart verbunden bleibt.“
„Dann könnte er die Eiszeit wärmer machen“, sagte Ilya.
„Oder instabiler“, sagte Claudia. „Oder einfach anders. Das ist das Problem. Vergangenheit ist kein Lagerhaus. Man kann nicht einfach hingehen, Kälte herausnehmen und hoffen, dass die Rechnung nie kommt.“
Anya sprach leise. „Könnte es auch umgekehrt kippen?“
Claudia sah sie an.
„Was meinen Sie?“
„Wenn die Anlage größer wird. Wenn mehrere Portale arbeiten. Wenn die Gegenwart nicht nur Kälte nimmt, sondern thermisch koppelt. Könnte es hier eine neue Eiszeit auslösen?“
Das Summen des Generators klang plötzlich lauter. Claudia antwortete nicht sofort.
Ilya sah zwischen beiden Frauen hin und her. „Kann es?“
„Vielleicht nicht durch ein einzelnes Gerät“, sagte Claudia langsam. „Aber wenn man genug Energieflüsse falsch koppelt, wenn man Strömungen abkühlt, Albedo verändert, Eisbildung verstärkt, Meereszirkulationen stört … ja. Dann könnte man Kippunkte berühren. Nicht plötzlich wie ein Märchenfluch. Aber Klima ist kein Apparat. Es wartet nicht, bis alle Protokolle unterschrieben sind.“
Anya sah auf das Portal, jetzt mit derselben Kälte im Blick, die aus ihm herausströmte.
„Dann ist das keine Kühltechnik.“
„Nein“, sagte Claudia.
Ilya beendete den Satz.
„Es ist ein Spielzug gegen die Welt.“
Keiner widersprach.
Hinter den transparenten Wänden oszillierten die sechs Neptuniumringe schneller, als hätten sie das Wort verstanden. Der Schnee im Portal wirbelte dichter. Für einen Moment war hinter dem weißen Schnitt eine dunkle Form zu sehen — vielleicht ein Fels, vielleicht ein Schatten im Sturm, vielleicht nur eine Störung im Licht.
Claudia trat näher ans Terminal.
„Die Werte steigen.“
Anya sah zur Schleuse. „Dann müssen wir die Daten sichern und raus.“
„Nein“, sagte Claudia. „Wir müssen verstehen, wie man es abschaltet.“
„Und wenn das Abschalten Lind verschoben hat?“
Claudia schwieg.
Ilya sagte: „Dann müssen wir trotzdem wissen, wo der Schalter ist.“
Anya sah ihn an. „Sie sind schnell vom Hockeyspieler zum Weltretter gewechselt.“
„Nein“, sagte Ilya. „Ich bin immer noch Hockeyspieler. Ich weiß nur, wann jemand das Eis ruiniert.“
Ein Warnlicht am Generator sprang von Blau auf Gelb.
Nicht Alarm. Noch nicht.
Eher Vorahnung mit Elektronik.
Claudia legte beide Hände auf die Konsole. „Ich brauche Zeit.“
Anya lachte trocken. „Das ist in diesem Raum vermutlich der gefährlichste Satz.“
Ilya stellte sich zwischen Schleuse und Portal, als könne sein Körper irgendetwas aufhalten, das aus Physik, Größenwahn und Eiszeit bestand.
„Dann nehmen wir uns welche“, sagte er.
Und hinter ihm atmete das Pleistozän tiefer in Kopenhagen hinein.


