Suite 365 lag zwei Stockwerke höher als Ilyas Zimmer, war doppelt so groß und wirkte entsprechend weniger wie ein Rückzugsort als wie eine befristete Kommandozentrale mit seidenem Stoffbezug.
Von den Fenstern aus sah man die Arena, das schwarze Wasser und die Lichtbänder des Hafens. Auf einem Regal standen ein Silbertablett, vier unberührte Absinthgläser, eine geöffnete Flasche des grünen Getränks und ein Tablett mit exakt neun Feigen, die noch niemand angerührt hatte.
Anya öffnete ihm die Tür.
Ilya trat ein und zog sein Sakko aus. Er wirkte kontrolliert genug, um als ruhig durchzugehen, und angespannt genug, dass genau das nicht stimmte.
Anya ging zum Fenster, den Rücken halb zu ihm, das dunkle Grün ihres Kleides im Zimmerlicht fast seidig glänzend. Das Kleid war hinten schon geöffnet. Sie drehte sich nicht um.
„Du bist spät!“
Ilya erwiderte: „Diese Suite sieht aus, als würden Sie auf einen Staatsgast warten.“ Er warf sein Sakko so lässig als möglich auf die Lehne des Sessels und lächelte. Dann knöpfte er leger das Hemd auf und warf es auf den Boden neben den Sessel. In der Reflexion sah Anya jedoch, dass seine Hände zitterten.
Anya sagte: „Du bist keiner.“
Ein winziger Moment entstand aus der Anerkennung zweier Menschen, die einander längst als nützlich und gefährlich zugleich gelesen hatten.
Ilya öffnete den Knopf seiner Hose. „Ich habe nicht viel Zeit.“
Anya grinste: „Brauchst du Minuten in Kopenhagen?“
Ilya schnaubte leise.
Sie stand noch immer am Fenster. Draußen glitzerte der Hafen. Drinnen war die Heizung heißer gestellt, als es nötig gewesen wäre.
„Sie wollten etwas von mir, ich liefere.“
Er warf die Hose zu den übrigen Kleidungsstücken. Es war eine oft geübte Handlung, aber hier war sie weder echt noch so überzeugend, wie er gehofft hatte.
Anya fragte: „Willst du etwas trinken?“ Sie goss ein Glas Absinth ein und träufelte genau einen Tropfen Wasser in das Glas, um die Schlieren der Vermischung bewundern zu können.
„Nachher.“
Sie trat vom Fenster weg und blieb dicht genug vor ihm stehen, dass der Raum sich neu sortierte. Sie betrachtete seinen Körper. Ilya widerstand dem Instinkt, sich wie ein verschämtes Kind hinter einem Sessel zu verstecken. Er setzte an, auch die Unterhose auszuziehen.
Anya fragte: „Hast du es?“
Ilya antwortete nicht sofort. Das war Antwort genug.
Anya sah es. „Dann hast du bei Herrn Hollander nur teilweise Erfolg gehabt.“
Das saß präzise. Keine moralische Wertung, nur Bilanz. Sie hob Ilyas Hemd auf und roch daran.
Er war verwirrt. Ilya ließ den Blick kurz von ihr weg auf den Tisch wandern, als wolle er dem Satz nicht auch noch seine Augen schenken.
„Shane hat den Puck nicht mehr.“
Ilya zog die Unterhose aus und warf sie betont nonchalant zur Hose. Er traf nicht; sie rutschte hinunter und fiel zu Boden. Anya bewegte sich nicht. Nur ihre Aufmerksamkeit wurde schärfer.
Sie mutmaßte: „Ist es so eine Sportler-messen-sich-aneinander-Geschichte? Aber warum riecht dann dein Hemd nicht nur nach deinem Deo? Das ist interessant. Noch interessanter ist allerdings die Frage: seit wann?“
Ilya blickte sie verwirrt an. Jetzt kam er sich in seiner Ausgeliefertheit schwach vor. „Seit wann was?“
Anya schüttelte genervt den Kopf. „Seit wann hat Hollander den Puck nicht mehr. Und wem hat er ihn gegeben?“
Ilya antwortete ehrlich betroffen: „Seit vor unserem… Gespräch. Wahrscheinlich seit dem Duschen nach dem Spiel.“
„Wahrscheinlich?“, fragte Anya.
Ilya erklärte: „Shane hat die hessische Frau mit den Schulterpolstern aus den Damentoiletten nahe der Mannschaftsduschen kommen sehen, weit weg vom Gästebereich. Das war das einzige Auffällige. Grelles Achtzigerjahrekostüm.“
Anyas Gesicht veränderte sich kaum. Aber in ihr fiel etwas exakt an die richtige Stelle.
„Dr. Tiedemann“, sagte sie.
Ilya nickte „Sie war schon im Festsaal und hat die Monitore beobachtet. Aber ich weiß nicht, wer sie ist.“
Anya erklärte: „Das ist Dr. Claudia Tiedemann, eine hessische Atomphysikerin. Sie ist hier, um billigen dänischen Atommüll zu kaufen und in ihrem altersschwachen Kraftwerk in Winden zu vergraben oder weiterzuverheizen. Stromberg zahlt erstaunlich gut, wenn Müll nicht ins Meer gekippt wird. Und Dänemark ist erstaunlich sparsam, wenn es um den Müll seiner Atomkraftwerke geht.“
Jetzt ging Anya vom Gespräch weg und begann zu mit jener abrupten inneren Beschleunigung zu grübeln, die bei sehr klugen Menschen den ganzen Körper nüchterner machte. Sie streifte das Kleid ab und stand nur noch in eleganter Unterwäsche vor Ilya, der sich der Reaktion darauf nicht erwehren konnte. Sie bemerkte es. Dann nahm sie das Glas Absinth vom Tisch und stellte es ihm hin.
Aus dem Schrank nahm sie einen schwarzen Wollpullover und ein paar sportliche schwarze Hosen. Den Smaragschmuck schob sie unter den Rollkragen, die Ohringe nahm sie ab wie die Ringe und legte alles auf das Nachtkästchen. Sie ging zum Schreibtisch im nächsten Zimmer, öffnete die Schublade des Tischs und zog eine Hotelbroschüre heraus. Einen Lageplan.
„Nicht in der Arena selbst,“ sagte sie. „Dort sind heute zu viele Menschen, zu viele Brötchen und vor allem zu viele Kameras, die offiziell etwas anderes filmen sollten.“
Sie deutete auf die Haupthalle des Hotels.
„Nicht oben in den Suiten, denn das wäre zu auffällig und zu nah an Gästen.“
Ein Finger wanderte den ganzen Hoteltrakt ab.
Ilya lehnte an der Tischkante und fragte: „Also?“
Anya sah auf die Graphik, als sei sie unzureichend, aber brauchbar.
„Im Keller“, sagte sie. „Unter dem Hotel und der Arena. Tief genug für Abschirmung, nah genug für Kontrolle und unterhalb der Wasserlinie, sollte etwas schnell gekühlt werden müssen.“
Sie legte die Broschüre weg. Die Entscheidung war gefallen, noch bevor sie ganz ausgesprochen wurde.
„Die Hessin wird schon unterwegs sein“, sagte sie.
Ilya trat einen Schritt näher und fragte: „Werden wir jetzt miteinander schlafen?“
Anya sah ihn mitleidsvoll an. „Nein“, sagte sie. „Ich würde es bewundern, wenn du es für Hollander getan hättest. Ich hätte es genossen, wenn du es für die Sowjetunion tun würdest, aber ich habe jetzt keine Zeit. Ich muss arbeiten.
Ilya sagte „Sie haben Material gewollt, ich gebe ihnen Material.“
Anya antwortete: „Bleib in meiner Suite, aber fass nichts an. Und keine Telephonate.“ Ihre Geste verlangte sein Mobiltelephon.
Während sie sich die Hose anzog, deutete sie auf Ilyas Hose, die auf dem Boden lag. Er bückte sich, holte das Telephon aus der Tasche und gab es ihr widerwillig.
Sie blickte ihn streng von oben nach unten an. Nicht begehrend, eher prüfend. Dann steckte sie ihre Haare hoch und setzte eine schwarze Wollhaube darüber. Sie war nicht mehr mit der eleganten Frau im Abendkleid zu verwechseln: Sie war jetzt ganz Beruf.
Anya fragte: „Was hat Hollander noch gesagt? Wörtlich.“
Ilya dachte nach. „Shane hat erzählt, die Hessin sei ihm bei den Duschen begegnet, da hatte er seine Hose nicht an. Außerdem hat Shane gesagt, die Frau in Grün — also Sie — haben vom Puck gewusst. Und dass Ilya ihn erst durchsucht und dann …“
Er ließ den Satz liegen.
Anya rettete ihn nicht. Sie fragte nur: „Und dann?“
Ilya sagte, er habe die Reihenfolge unglücklich gesetzt. Ein Hauch von Trockenheit lag darin. Mehr Selbstverachtung als Witz. Anya nahm das ohne Urteil auf.
Sie fragte: „Und was ist jetzt?“
Ilya antwortete zögerlich: „Shane glaubt jetzt, dass ich mit ihnen schlafe, um ihn zu schützen.“
„Vertraut er dir?“
Ilya sah sie direkt an.
„Nein“, sagte er.
Es war der erste Satz in diesem Zimmer, der völlig ohne Taktik klang. Anya nahm ihn ernst.
Ilya sah weg, weil er verstand, dass das hier keine Einladung, sondern eine Umwandlung war. Vor wenigen Minuten wäre der Vorgang Erotik gewesen. Jetzt war es Vorbereitung.
Anya sagte, er solle hierbleiben. Er solle sich etwas zu trinken nehmen, seinen heutigen Sieg auskosten und fernsehen. Aber er solle nicht gehen, bevor sie zurück sei.
Ilya lachte einmal kurz. „Sie klingen wie mein Vater.“
„Ich bin aber nicht deine Mutter. Wenn Tiedemann unten etwas öffnet, brauche ich keine zweite Variable, die denkt, sie müsse einen Briten retten.“
Ilya wurde still. Zu still, weshalb Anya merkte, dass sie getroffen hatte.
„Vielleicht braucht der Brite Rettung?“, zauderte Ilya.
Anya erklärte: „Jetzt hilfst du Shane am besten, wenn ihr euch beide aus der Sache heraushaltet. Ich komme zurück, dann regeln wir das als Russen unter uns. Wenn das, was Lind verteilt hat, ein Zugang gewesen ist, dann führt er zu etwas sehr Nützlichem, wenn ich mir die Effizienz dieser Halle und des Gezeitenkraftwerks anschaue.“
„Soll ich mich anziehen?“ Zum ersten Mal wirkte er richtig verunsichert.
„Tu, was du willst, solange ich unten bin. Und hoffe, dass auch der Brite in deiner Suite nichts Unüberlegtes tut.“
„Anya!“
Sie hielt inne.
„Wenn Sie Shane etwas antun…“
Anya drehte sich langsam um. „Wenn ich ihm etwas antun muss, gibt es nichts, was du dagegen tun kannst.“
Ilya blieb allein in Suite 365 zurück, zwischen Absinth, Feigen, Hafenlicht und der Erkenntnis, dass Anya recht hatte — und dass er ihr selbstverständlich nicht gehorchen würde, sobald genug Minuten vergangen waren, um Ungehorsam vernünftig aussehen zu lassen.
Er sah zur geschlossenen Tür. Dann hinüber auf die Arena. Er nahm seine Sachen und zog sich hektisch an. Leise, fast nur für sich, sagte er: „Warte nicht auf mich.“



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