Das Spiel in Suite 169

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Die Suite war groß genug, um teuer zu wirken, und kalt genug, um ehrlich zu sein.
Bodenhohe Fenster zeigten schwarzes Wasser und die Lichtlinien des Hafens. Im Hintergrund lag die Arena wie ein gläserner Fremdkörper am Rand der Nacht. Auf einem niedrigen Tisch standen zwei unberührte Gläser, ein Eiskübel und eine geöffnete Flasche, die jemand bestellt hatte, ohne wirklich trinken zu wollen.
Ilya hatte das Sakko abgelegt. Hemd, dunkle Hose, gelockerte Krawatte — als sei selbst Eleganz hier nur eine Form von Rüstung gewesen, die für zehn Minuten abgelegt werden durfte.
Es klopfte nicht ein zweites Mal.
Ilya öffnete.
Shane stand davor, noch im halb offenen Teammantel, das Gesicht immer noch vom Abend angestrahlt und zugleich erschöpft. Er sah kurz an Ilya vorbei in die Suite, als müsse er prüfen, ob hier außer ihnen noch etwas lauerte.
Ilya sagte: „Du bist spät.“
„Zehn Minuten war knapp.“ 
Ilya trat zur Seite. Shane ging hinein. Die Tür fiel hinter ihm zu.
Einen Moment lang sagten beide nichts. Die Ruhe im Zimmer war das Gegenteil des Gewirrs im Festsaal. Keine Musik und kein Glasgeklirr. Nur Klimaanlage, Wasser draußen und die Erinnerung daran, dass unten noch immer ein Abend weiterlief, der sie beide längst langweilte.
Shane bemühte sich, ruhig den Mantel an die Garderobe zu hängen. Ilya reichte ihm ein eiskaltes Gingerale aus dem Kühlschrank.
Shane bedankte sich: „Du erinnerst dich also?“ Er sah zu den Fenstern hinaus. „Du buchst immer Zimmer, als würdest du im Zweifel einen Staatsstreich darin planen.“
Ilya sagte: „Man weiß nie, wen man in so einem Zimmer flachlegen muss.“
Ein verschämtes Lächeln lag um Shanes Mund. Ilya ging zum Tisch, nahm die Flasche, überlegte kurz und ließ es. Stattdessen schenkte er sich Rotwein aus dem Dekanter ein.
Shane sagte: „Wolltest Du, dass ich mich über die Niederlage bei dir ausheule?“
„Und, wirst du für das Commonwealth heulen?“
Shane stellte das Gingeraleglas ab und sagte: „Das wirst du genau prüfen müssen.“
Wieder entstand so eine Pause, die bei anderen Menschen Unsicherheit gewesen wäre und bei ihnen nur Gewohnheit war. Ilya trat näher. Aus Spott wurde für einen Moment Verständnis. Ilya hob eine Hand, berührte Shanes Kragen und zog den Stoff des Hemdes ein wenig zurecht, als korrigiere er nur etwas, das der Raum störte. Shane blieb still. Sie standen jetzt dicht genug, dass nicht mehr viel zwischen Gespräch und etwas anderem lag.
Ilya fragte, was oben los gewesen sei.
Shane sagte: „Dänemark. Die russische Frau in Grün wollte mit mir verhandeln wollen.“
Ein winziger Schatten lag in Ilyas Blick. „Wenn sie dich nicht rumgekriegt hat, ist sie langweilig.“ Ilya erwarte keine Antwort, stattdessen zog er Shane den Rest des Weges heran und küsste ihn mit genau der Beherrschung, die bei ihnen beiden immer zuerst wie ein Fehler erschien, bevor sie zur Gewohnheit wurde. Shane reagierte sofort. Der Kuss kippte in Nähe, in geübte Vertrautheit, in das alte, schlecht verdaute Wissen um einander. Hände an Stoff, an Schultern, an Nacken. Nicht zärtlich diszipliniert, eher mit jener schnellen Genauigkeit, die entstand, wenn zwei Männer einander nicht erklären mussten, wo die Schwachstellen lagen.
Ilya zog ihm das Jackett aus. Shane streifte Ilyas Hemdkragen zurück. Das Bett war zu weit, um eine Alternative zu sein.
Für ein paar Minuten war der Abend unten weit weg.
Kein Stromberg. Keine Ravn. Keine Frau in Grün. Kein dänisches Eisballett auf Plastikmüll. Nur Atem, Körperwärme, die Kälte des Zimmers und jene fast aggressive Vertrautheit, mit der man Trost verwechselte, wenn man keine Zeit für etwas Ehrlicheres hatte.
Shane lehnte danach an der Kommode im Eingangsbereich, die Augen kurz geschlossen, die Anspannung zum ersten Mal seit Beginn des Abends sichtbar gelöst. Er atmete schwer. Ilya nahm nun doch die Flasche, öffnete den Wodka, den Rücken zu Shane, und trank.
Shane sah ihn an, ruhiger jetzt: „Das war entweder eine gute Idee oder eine außergewöhnlich schlechte.“
„Wenn du das nicht weißt, war es nicht so gut, wie es gerade ausgesehen hat. Du kannst gerne meine Dusche benützen, bevor du wieder runter zum Empfang gehst.“ 
Shane nickte und ging zu schnell ins Bad und schloss die Tür. Als er kurz darauf geduscht zurückkam, lag Ilya auf dem Bett und spielte mit seinem Mobiltelephon.
Dann bemerkte Shane etwas. Erst das falsche Gefühl im Raum. Sein Mantel hing nicht mehr dort, wo er ihn aufgehängt hatte, nur wenig verschoben. Shane richtete sich langsam auf.
„Ilyas?“
Ilya trank beiläufig noch einen Schluck Wodka und schaute nicht von seinem Mobiltelephon auf.
„Was ist?“
Shane kam näher, hob die Hose hoch, die ordentlich zusammengefaltet über der Sessellehne hing, und zog sie an, als müsste er sich vor Ilyas Blicken schützen. Dann griff er in die Tasche, zog sein Mobiltelephon heraus, griff und die andere Tasche und fand: nichts.
Sein Blick veränderte sich. Wut wurde zu Enttäuschung.
„Hast du etwas aus meiner Hose genommen, während ich geduscht habe?“, fragte er.
Ilya war jetzt ebenfalls aufgestanden. „Nein.“
Shane lachte einmal kurz auf, hart und ungläubig. 
Ilya begann: „Aber ich hätte, wenn du den Puck noch darin gehabt hättest.“
Shane fragte: „Hast du mich hierhergelockt, um seine Taschen zu leeren? Hast du mit mir geschlafen, um mich abzulenken?“
Ilya antwortete nicht sofort. Eine falsche Pause. Shane sah das.
„Wow!“, sagte Shane. Mehr sagte er dazu erst einmal nicht. Das reichte.
Ilya ging einen Schritt näher und sagte: „Ich wollte verhindern, dass du mit etwas herumläufst, von dem du nichts verstehst.“
Shane erwiderte: „Du hättest mich einfach fragen können.“
Ilya fragte: „Hättest du ihn mir denn gegeben?“
Shane sah ihn an. Diese Frage verletzte mehr als jede Erklärung.
„Weiß ich nicht. Aber ich hätte es wenigstens selbst entschieden.“
Ilya nahm das hin, musste es hinnehmen.
Shane durchsuchte inzwischen das Zimmer, nicht panisch, zu wütend für Panik: Tisch, Sessel, Boden, Bettdecke. Er kniete kurz am Teppich, sah unter den Tisch, als könnte der Abend wenigstens so banal werden, dass ein Puck einfach weggerollt wäre.
Shane fragte: „Wann hast du gemerkt, dass er nicht mehr da ist.“
„Ich habe dein Gewand durchsucht, während du geduscht hast.“
Shane richtete sich auf. „Und davor hast du…damit ich dann duschen ginge? Das ist ekelhaft!“
Ilya wandte den Blick peinlich von Shane ab. „Ich brauche den Puck, den dir der verrückte Däne gegeben hat.“
„Für die Sowjetunion?“
„Für dein Leben!“
Shane ging den Weg des Abends im Kopf zurück. Man sah es ihm an. Festsaal. Frau in Grün. Sponsorentermin. Spiel. Duschen. Dann blieb er stehen.
„Die Hessin mit den Schulterpolstern!“, sagte er.
Ilya war sofort wach und fragte: „Welche Hessin?“
Shane beschrieb sie: „Als ich aus dem Duschraum kam, ging sie gerade aus der Damentoilette, aber unten bei den Sportlerräumen. Mir ist es zuerst nicht aufgefallen, aber es ist doch seltsam, das ein Gast sich da hinunter verirrt. Sie könnte das Ding aus der Hose genommen haben, als wir uns geduscht haben. Genauso wie du es jetzt versucht hast.“
„Du könntest anfangen, Dinge zu bemerken, bevor sie verschwinden.“
„Und du könntest aufhören, mich dafür ins Bett zu legen, um etwas verschwinden zu lassen.“
Der Satz hing im Zimmer. Scharf genug, dass sogar die Klimaanlage kurz lauter klang. Ilya sagte nichts, weil nichts daran zu entschärfen war.
Shane fuhr sich mit beiden Händen übers Gesicht, dann durch die Haare, und versuchte, die Wut zu ordnen.
„Anya hat gewusst, dass du ihn hast, und sie will ihn um jeden Preis. Wenn wir Anya jetzt auf die Hessin ablenken, kann dich das retten.“
Shane sah wieder zum Mobiltelephon auf dem Tisch. „Wer ist sie wirklich?“
„Sie sagt Rosatom; ich vermute SWR.“
Shane fragte: „SWR?“
Ilya erklärte: „Sluschba wneschnei raswedki, der sowjetische Auslandsgeheimdienst.“
Shane schnaubte bitter und sagte: „Erst habe ich von einer Russin nicht verstanden, was sie von mir will, und dann habe ich mich von einem Russen durchsuchen lassen, der mich angeblich schützen will.“
Er griff nach seinem Hemd, zog es an, nicht ganz zu. Der Panzer kehrte zurück, sichtbar Stück für Stück.
Shane fragte: „Wohin gehst du?“
„Zu ihr.“
„Zur Russin?“
„Ja.“
Shane fragte: „Wird das nach dem hier jetzt plötzlich professionell?“
Ilya antwortete: „Alles heute Abend ist professionell. Von der Meeresökologie, über die Prinzessin, die Weltenergieorganisation, den Bärenjahrgang des Leopoldinischen Militärgymnasiums bis zu uns beiden. Genau das ist ja das Problem.“
Ilya knöpfte das Hemd zu und erklärte: „Wenn ich Anya richtig lese, nimmt sie dich aus dem Spiel, sobald sie weiß, dass du den Puck nicht mehr hast. Wenn ich sie falsch lese, haben wir ein anderes Problem.“
Shane wiederholte: „Wir?“
Ilya sah ihn an.
„Ja.“
Trotz allem, trotz des gerade Geschehenen, trotz der Taschen und trotz der Lüge. Shane hasste, dass dieses eine Wort noch immer etwas mit ihm machte.
„Und ich?“ fragte Shane, „Soll ich hier warten?“
Ilya nickte nur: „Ja.“
Er nahm Sakko und Schlüsselkarte. An der Tür blieb er noch einmal stehen „Shane.“
Shane sah nicht auf. 
„Es tut mir leid.“
Shane antwortete erst, als Ilya die Klinke schon in der Hand hatte: „Ich weiß nicht, ob ich hier warten werde.“
Ilya nickte kaum sichtbar und ging. Die Tür schloss sich. Shane blieb allein in der Suite zurück, zwischen Hafenlicht, zwei unberührten Gläsern und der Erkenntnis, dass er heute Abend erst als Kurier und dann als Köder missbraucht worden war. Er wollte nicht so bitter klingen, aber er wollte auch nicht immer der Dumme sein.
Er setzte sich nicht. Er ging zum Fenster, sah hinunter auf das Wasser, dann zur Arena in Rot und Weiß, als könnte eines von beidem ihm erklären, wie genau ein Souvenir-Puck den ganzen Abend gekippt hatte. Dann nahm auch er sein Hemd und zog es an. „Verdammt.“

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May 5, 2026 15:48

This is such a beautifully controlled scene the mix of satire, tension, and character voice makes it feel like a sharp political drama unfolding over something as simple as a buffet! are you building this toward a bigger confrontation between Shane, Ilya, and Anya, or is this more about slowly revealing their power dynamics over time?

May 5, 2026 17:32 by Racussa

Hi Heyitsdelores! Thank you for your encouraging comment. This triangle will get rather spicy, but in an unexpected way concerning their different origins. Anya is a most witty spy, using all her talents to achieve her goals (and those of her country), driven by patriotism, loyalty and female empowering; the two hockey players will be no challenge for her, but maybe for themselves ;-)

The world is not enough.
May 6, 2026 14:43

This dynamic you’re building sounds really intriguing, especially the way Anya seems set to outmaneuver them both in her own clever way it’s got me properly hooked! would you be comfortable connecting with readers on another platform to discuss the story in more depth?