Als die Rettung Ilya und Shane eine Viertelstunde später abholte, wirkte Shane nervöser und Ilya entspannter. Die Ehrenloge war für einen Moment voller gedämpfter Stimmen, medizinischer Anweisungen und höfischer Diskretion, voll des Geruchs von Desinfektionsmittel, Schmerzmittel und Psychopharmaka.
Der Arzt bestand darauf, dass Ilya auf der Trage blieb. Ilya bestand darauf, dass er auch im Liegen besser aussehe als die meisten Menschen im Stehen. Shane ging neben ihm her, eine Hand an der Trage, als sei sie kein medizinisches Gerät, sondern der letzte dünne Vertrag zwischen ihm und der Wirklichkeit. Caba und Bauer begleiteten den Arzt bis zur Tür, beide mit dieser mutigen Strenge, die Menschen entwickelten, wenn sie eine folgenreiche Tat gut gesetzt hatten.
Prinzessin Indulan wünschte Ilya gute Besserung.
„Dänemark schuldet Ihnen mehr als einen Verband, Herr Rozanow.“
Ilya sah zu ihr auf, blass, müde und noch immer gefährlich genug für eine Bemerkung.
„Ich nehme auch Hafengebührenfreiheit.“
„Die hat Herr Stromberg bereits genommen.“
„Dann nehme ich Cartagena.“
Indulan lächelte. „Damit habe ich fix gerechnet. Und die Karte ist für drei Personen, damit rechts und links einer stütze für Sie mitfährt.“
Shane sah sie an, als wolle er etwas sagen, aber der Arzt schob die Trage weiter. Ilya hob noch einmal schwach die Hand. Dann schlossen sich die Türen hinter ihnen.
Die Kadetten verschwanden ebenfalls, offiziell für das Buffet unten, inoffiziell, weil Indulan mit einem einzigen Blick sehr klar gemacht hatte, dass junge Zeuginnen und Zeugen jetzt besser woanders atmeten und von ihr gespendete Getränke konsumierten. Magnus ging zuletzt hinaus und fragte Köck, ob man zehntausend Euro Taschengeld eigentlich monarchisch oder steuerlich korrekt als Schmerzensgeld für Meereskunst verbuchen müsse.
Dann wurde es still.
Claudia blieb in der Loge zurück.
Sie stand neben dem kleinen Buffet und sah nicht auf den Thron, nicht auf den Samt, nicht auf die Fenster zur leeren Arena, sondern auf eine Platte mit geeisten Pralinen.
Indulan trat neben sie.
„Essen Sie, Dr. Tiedemann.“
Claudia sah skeptisch auf das Buffet.
„Ich weiß nicht, ob ich nach Atommüll und Neptunium Appetit haben sollte.“
„Gerade dann.“
Indulan nahm eine Indulan nahm eine in Butter und Honig poêlierte Feige mit der Dessertgabel und schob sie in den Mund.
„Katastrophen lassen sich besser beurteilen, wenn der Blutzucker nicht zusammenbricht.“
Claudia nahm nach kurzem Zögern eine Praline, deren Außenschicht weiße Schokolade, deren Inneres aber mit Wildkräutern aromatisiertes Marzipan und deren Kern eine glasierte Haselnuss war.
Sie aßen schweigend, bis Claudia merkte, wie müde sie war. Ihre Schulterpolster saßen noch immer tapfer an Ort und Stelle, aber sie fühlten sich inzwischen weniger wie Mode und mehr wie eine Last auf ihren Schultern an.
Indulan sah sie von der Seite an.
„Ich bin in einer Monarchie aufgewachsen. Sitzungen sind hier die friedliche Form des Belagerungskrieges.“
Da öffnete sich die Tür.
De la Motte trat ein, ein Notizbuch in der Hand, das inzwischen nicht mehr wie ein Accessoire wirkte, sondern wie eine Waffe mit sehr guter Bindung.
„Hoheit“, sagte sie. „Dr. Tiedemann.“
Indulan wandte sich ihr zu.
„Frau de la Motte. Gut, dass Sie kommen. Ich wollte gerade eine kluge Frau vor einer anderen klugen Frau loben.“
Claudia erstarrte.
„Das ist nicht nötig.“
„Doch“, sagte Indulan. „Besonders, obwohl Sie es unangenehm finden.“
De la Motte hob interessiert die Augenbrauen, bevor sie eine Schale Vanillepudding nahm und auslöffelte.
Indulan fuhr fort: „Dr. Tiedemann hat als Erste verstanden, dass die Effizienzwerte der Arena physikalisch phantastisch waren. Sie hat den Reaktor gefunden, die Strahlengefahr erkannt, die Fässer gesichert und in einer Lage, in der mehrere bewaffnete Erwachsene schlechtere Entscheidungen trafen als österreichische Kadetten, die Übersicht behalten.“
Claudia betrachtete eine weiter geeiste Praline un dwußte nicht, ob das Marzipan wirklich mit den Kräutern harmonierte.
„Ich habe auch Menschen mit Atommüll gedroht und ungeschützte Jugendliche gebeten, zwei Fässer mit verglastem Atommüll von einer Ladefläche zu heben.“
De la Motte lächelte.
„Das ist in der WEO egal, solange niemand unmittelbar gestorben ist. Wenn wir langfristig mehr und billigere Energie für alle bekommen, dann ist das Ziel erreicht.“
„Dann hat Ihre Organisation niedrigere Standards, als ich hoffte“, sagte Claudia.
„Nein“, sagte de la Motte. „Nur mehr Erfahrung seit 1946.“
Indulan nahm ein kleines Glas Eiswasser.
„Frau de la Motte, ich wünsche, dass Sie Dr. Tiedemanns Bericht mit besonderer Aufmerksamkeit behandeln. Sie wird Ihnen alles zum Gezeitenkraftwerk, zur Effizienzarchitektur und zum Mikrokugelhaufenreaktor geben, was fachlich notwendig ist.“
„Und was ist politisch notwendig?“, fragte de la Motte.
„Dass Hessen nicht dafür bestraft wird, heute Abend klüger gewesen zu sein als mehrere größere Staaten.“
Claudia sah auf.
Indulan sprach weiter, jetzt ruhiger.
„Ich werde mit dem Besatzungsrat sprechen. Belgien, die Niederlande und das Vereinigte Königreich müssen verstehen, dass eine kontrollierte Erneuerung der hessischen Kernkraftwerke sinnvoller ist als ein langsames technisches Ausbluten. Winden darf nicht weiter in einem Zustand gehalten werden, in dem Abriss, Erneuerung und Schließung einander blockieren.“
Claudia sagte nichts.
Das war seltsam genug, dass de la Motte sie ansah.
Indulan wandte sich direkt an Claudia.
„Sie brauchen Genehmigungen. Politische Deckung. Internationale technische Aufsicht, damit niemand behaupten kann, Hessen baue im Schatten des Besatzungsrates etwas Unkontrollierbares. Und Sie brauchen Geld, das nicht nach Almosen riecht.“
„Ich brauche vor allem Leute, die nicht so tun, als sei ein Reaktor gefährlicher, wenn er hessisch ist.“
„Dann werde ich genau damit beginnen.“
Claudia atmete langsam aus.
„Hoheit meint das ernst.“
„Ja.“
„Warum?“
Indulan nahm eine zweite Feige.
„Weil eine kleine Monarchie am Wasser sehr gut weiß, was es bedeutet, von großen Systemen abhängig zu sein. Und weil Sie heute bewiesen haben, dass technische Verantwortung nicht immer dort sitzt, wo die größten Fahnen hängen.“
De la Motte nickte langsam.
„Die WEO könnte eine Modernisierung begleiten. Diskret, vorausgesetzt, die Unterlagen sind sauber.“
Claudia sah sie an.
„Meine Unterlagen sind immer sauber.“
„Ihre Politik?“
„Meine Politik ist Hessen. Das ist schmutzig genug.“
Indulan lächelte.
Dann ging sie zu einem kleinen Sekretär neben dem Thron, öffnete eine schmale Schublade und nahm einen cremefarbenen Umschlag heraus. Es war kein großer königlicher Akt. Eher die elegante Beiläufigkeit einer Frau, die wusste, dass Geschenke gefährlicher waren, wenn man sie nicht ankündigte.
Sie reichte Claudia den Umschlag.
„Noch etwas?“
Claudia nahm ihn vorsichtig.
„Muss ich Angst haben?“
„Ein wenig.“
Im Umschlag lag eine VIP-Einladung.
Dunkelblaues Papier, silberne Schrift, ein stilisiertes Schiff vor einem kalten Mond. Darunter stand:
Der Fliegende Holländer
Riga am 13. August 2026 in der ehemaligen Torpedotestanlage der Roten Armee
Kulturelle Zukunftsnutzung — Geschlossene Premiere
Claudia las es zweimal.
„Eine Oper in einer ehemaligen Testanlage.“
„Ja.“
„In Riga?“
„Ja.“
„Als VIP-Gast?“
„Ja.“
Claudia sah Indulan an.
„Ist das eine Einladung oder eine Drohung?“
„Bei Wagner ist der Unterschied traditionell fließend.“
De la Motte lachte leise.
Indulan erklärte: „Die Anlage wurde von der Roten Armee aufgegeben, dekontaminiert, umgebaut und soll ab diesem Jahr kulturell nachgenutzt werden. Das ist perfekt: Aus Kriegstechnik wird Friedenskunst.“
Claudia betrachtete die Karte.
„Und warum geben Sie sie mir?“
„Weil Sie sich ideologisch mit der UdSSR zwar nicht versöhnen müssen“, sagte Indulan. „Aber vielleicht sollten Sie sich so weit mit ihr abfinden, dass gemeinsame Forschung möglich wird. Energie, Dekontamination, Reaktorsicherheit, Wiederaufbereitung. Sie müssen nicht dieselben Lieder singen, um dieselben Messwerte zu prüfen.“
Claudias Mund wurde schmal.
„Ich traue sowjetischen Behörden nicht.“
„Und sowjetische Behörden trauen Hessen nicht.“
„Dann haben Sie bereits eine gemeinsame Grundlage.“ De la Motte sah zwischen ihnen hin und her.
„Wissenschaftliche Kooperation aus gegenseitigem Misstrauen ist stabiler, als viele glauben.“
„Das ist traurig“, sagte Claudia.
„Nein“, sagte de la Motte. „Das ist international.“
Claudia legte die Einladung nicht zurück in den Umschlag. Sie hielt sie in der Hand, als sei sie ein Messwert, der ihr noch nicht gefiel, aber nicht ignoriert werden konnte.
„Riga“, sagte sie.
„Riga“, bestätigte Indulan. „Eine alte Anlage, die nicht mehr nur Vergangenheit sein will. Vielleicht interessiert Sie das.“
„Mich interessieren keine Opern.“
„Das glaube ich nicht.“
„Wagner ist sehr lang.“
„Das stimmt.“
„Und Menschen sterben sehr langsam in seinen Stücken.“
„Auch das stimmt.“
Claudia sah wieder auf die Einladung.
„Aber eine ehemalige Testanlage, die als Opernhaus benutzt wird, ist technisch betrachtet…“
Sie hielt inne.
Indulan wartete.
De la Motte ebenfalls.
Claudia seufzte.
„…interessant.“
Indulan nahm ihr Glas Eiswasser. Von draußen drang gedämpfter Applaus herüber. Vermutlich hatte das Photo mit den Kadetten endlich stattgefunden, oder Magnus hatte versehentlich einem Hofbeamten erklärt, warum Hessen in Island mehr Raum für Tanz benötige als Österreich.
Claudia steckte die Einladung vorsichtig in ihre Tasche, direkt neben die Notizen, die sie aus dem Reaktorraum gerettet hatte.
„Ich werde mir die Anlage ansehen.“
„Das habe ich schon vorher gewusst“, sagte Indulan.
De la Motte schloss ihr Notizbuch.
„Ich würde sagen, Dr. Tiedemann, Sie haben heute gute Arbeitsbereitschaft bewiesen. Die Weltenergieorganisation sucht immer wieder Praktikantinnen oder Expertinnen für internationale Projekte.“
Claudia nahm noch eine Praline vom Buffet.
Indulan sah durch die Glasfront hinunter auf die leere Eisfläche. Das Eis lag glatt unter ihnen, als sei nichts geschehen: Weder Ringe noch Blut; weder Atommüll noch Kadetten. Es war nur eine weiße Fläche, die wieder so tat, als könne man auf ihr spielen, ohne in die Tiefe zu geraten.
„Riga also“, sagte Claudia leise.
Indulan nickte.
„Riga liegt auch zu nahe am Meer für Tiefgaragen.“
De la Motte hob eine Augenbraue.
„Näher als Kopenhagen geht ja wohl nicht.“
Claudia sah beide Frauen an.
Zum ersten Mal an diesem Abend lächelte sie wirklich.
„Dann nehme ich wasserfeste Schulterpolster mit.“


