Anyas zweites Angebot

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In der Eishalle wurde, wie man auf den Monitoren im Festsaal mitverfolgen konnte, das Eis für ein Gala-Nachprogramm neu aufbereitet: Als Nächstes sollte ein humorvolles Eisstockschießen zwischen besonders aparten Plastikmüllskulpturen geboten werden, die Mitarbeiter in dicken Handschuhen auf der Eisfläche platzierten. Oben im Festsaal hatte sich die Menge in jene etwas zu lockere Bewegung gelöst, mit der wohlhabende Menschen nach Kultur sofort wieder zu Verhandlungen zurückfanden.
Entlang einer langen, weiß beleuchteten Buffetinsel lagen Dinge, die teuer aussehen sollten, auch wenn sie kalt waren: Scampi auf Eis, glänzende Kaviarschalen, kleine Brote in exakter Geometrie, Schalen mit Dillcreme, geschnitzte Radieschen, Limettenscheiben wie Dekoration — und in der Mitte mehrere Platten mit dünn aufgeschnittenem dänischem Lachs.
Shane entkam mit sichtbarer Erleichterung seinem Sponsorentermin und steuerte nicht etwa auf Gespräche, sondern direkt aufs Buffet zu voll Hunger und mit der nüchternen Einsicht eines Mannes, der wusste, dass man bei Wohltätigkeitsabenden besser etwas aß, bevor die nächste Hälfte des Abends beschloss, für ein weiteres Photo das Buffet abservieren zu lassen.
Von der anderen Seite kam Ilya zielstrebig auf dieselbe Buffetinsel zu. Er war ebenso wenig an Gesellschaft interessiert, ebenso entschlossen, sich für einen Moment lieber mit etwas Essbarem als mit Menschen zu befassen. Beide griffen im selben Augenblick nach demselben schmalen Silberheber unter derselben Lachsreihe.
Ein kurzer Stillstand entstand.
Shane sah erst auf die Zange, dann zu Ilya.
„Natürlich“, sagte er.
Ilya ließ den Heber nicht los und bemerkte trocken, Briten hielten Buffets offenbar ebenfalls für ihr natürliches Einflussgebiet.
Shane zog den Heber einen Zentimeter zu sich.
„Das hier ist Lachs“, sagte Ilya. „Nicht Island.“
Shane hielt lang genug dagegen, dass zwei ältere Sponsorinnen in ihrer Nähe kurz herübersahen und sich dann sehr bewusst wieder einander zuwandten, damit der Abend sozial intakt blieb.
Shane meinte: „Wir könnten auch beide so tun, als wären wir erwachsen.“
„Dafür ist es zu spät, denn wir tragen Schlittschuhe für Geld“, war Ilyas Reaktion. 
Shane ließ los.
Ilya hob mit einem kaum sichtbaren Siegesschatten im Gesicht zwei Scheiben Lachs auf seinen Teller. Dann schob er den Heber mit unerwarteter Großzügigkeit zurück.
„Ist das die russische Form von Waffenstillstand?“
„Nein“, sagte Ilya. „Das ist die sowjetische Version von Entwicklungshilfe: Du siehst aus, als hättest du seit den Germknödeln von Chestnut Mountains nichts Vernünftiges mehr gegessen.“
Shane sah ihn einen Moment an. Da war das alte gemeinsame Wissen kurz da und sofort wieder sauber verpackt. Dann nahm auch er sich Lachs.
„Romantisch“, sagte er.
Ilya antwortete: „Beschwer’ dich nicht, das ist das Netteste, was ich heute noch zu dir sagen werde.“
Sie standen nun nebeneinander am Buffet, jeder mit Teller, beide offiziell beschäftigt genug, dass ein kurzes Gespräch gesellschaftlich unschuldig wirkte. Neben ihnen war auf den umlaufenden Monitoren des Festsaals das neu geglättete Eis zu sehen. Shane nahm ein Stück Brot, zu beiläufig. Ilya nahm eine Limettenscheibe, die er als Ganzes in den Mund schob.
Shane fragte: „Kennst du die Frau in Grün kenne?“
Ilya sah nicht sofort zu ihm. Er schnitt den Lachs mit zu viel Konzentration, um zu verraten, dass ihn die Frage interessierte, und fragte zurück: „Welche von den dreißig? 
„Die, die aussieht, als könnte sie ein Land beleidigen, ohne die Stimme zu heben.“ Shane deutete vorsichtig mit der Gabel in Anyas Richtung. Sie sprach mit zwei dänischen Prominenten und der japanischen Wissenschaftlerin.
Ein winziger Zug lag um Ilyas Mund. Er wusste sofort, wen Shane meinte. 
„Nein“, sagte er mit absichtlich stumpfer Männlichkeit. „Aber wenn du willst, kann ich sie kennenlernen und dir nachher davon erzählen.“
Shane verdrehte genervt die Augen, aber mit ein bisschen zu viel Eifersucht, als dass Ilya es nur lustig genommen hätte.
Ilya erklärte: „Unser Manager hat gesagt, die Frau in Grün komme von Rosatom, der staatlichen Atomenergiebehörde der russischen Sowjetrepublik. Sie sieht doch gut aus. Ich würde sie nicht ablehnen bei der Figur. Und weil sie Russin ist. Schließlich möchte ich die Heimat unterstützen.“
Shane drehte den Kopf zu ihm und sagte „Das ist der dümmste Satz, den ich heute gehört habe.“
„Sagst du bei einer Party, wo Leute Plastikmüllkunstwerke bestaunen und ein dänischer Staatssekretär über Ozeanethik spricht.“
Shane lachte kurz auf. „Sie hat etwas von mir gewollt. Sie wollte mich sogar auf ihr Zimmer im Hotel mitnehmen!“
Ilya erwiderte „Das wäre eine Enttäuschung für die Dame in Grün geworden, zumindest eine Überraschung. Sie ist sicher nicht wegen des Eisballetts hier.“
Shane stach mit der Gabel in den Lachs, als könnte er den Fisch für Ilyas Sticheleien bestrafen.
„Was wollte sie denn von dir: Dein Gesicht für eine Atomkampagne? Deine Staatsangehörigkeit für einen Teamwechsel? Oder die Rechte an deiner Langeweile?“ Ilya grinste und schob eine zweite Limettenscheibe nach.
„Deine nicht-langweilige Sowjetunion“, sagte Shane.
Jetzt sah Ilya ihn doch an. „Hast Du verkauft?“
Shane antwortete: „Du weißt, dass meine Mutter die Verträge macht.“
Das war trocken genug, dass Ilya wieder fast lächeln musste. „Mütter und Geheimdienste sind gleich gefährlich. Nur rufen Mütter seltener zurück.“
Ilya sprach sonst nie über Mütter, weil er seine verloren hatte. Das signalisierte Shane, dass hier etwas nicht stimmte. Shane sah auf seinen Teller, dann hinüber in den Saal, dann kurz quer durch den Raum Richtung Anya, die demonstrativ mit einer älteren Sponsorin sprach und ihr gerade eine gezierte Visitenkarte überreichte.
Shane senkte die Stimme und sagte: „Sie hat von dem Puck gewusst, den mir dieser dänische Trottel gegeben hat“.
Ilyas Blick blieb ruhig, aber die Aufmerksamkeit darin wurde schärfer. „Dann war es kein Fangeschenk gewesen, obwohl ich weiß, dass du es magst, wenn fremde Männer dir etwas einstecken.“
Shane schaute, ob niemand nahe genug beim Lachs stand, um zuzuhören. 
„Diesmal habe sogar ich es gemerkt“, sagte er leicht säuerlich.
„Glückwunsch“, sagte Ilya.
Ein Kellner schob sich zwischen zwei Sponsoren durch. Gläser klirrten leise. Eine Frau im Perlenkragen fragte nach mehr Dillsauce, als hinge die Stabilität Europas davon ab.
Shane senkte die Stimme noch weiter. „Wenn Anya Russin ist und du nicht weißt, wer sie ist — ist das beruhigend oder schlecht?“
Ilya sagte: „Beides.“
Shane nickte, als hätte er genau diese nutzlose Antwort erwartet. Dann bemerkte er etwas über Ilyas Schulter hinweg.
Anya kam näher, betont zufällig nach einem Teller für das Buffet suchend mit dieser exakt dosierten Geradlinigkeit, die verriet, dass sie ihr Ziel bereits gefunden hatte. Ihr Blick ging erst zu Shane, dann zu Ilya. Dann zu dem Umstand, dass beide mit Tellern am selben Buffet standen, als sei das hier eine völlig gewöhnliche internationale Ozeansauberkeitsveranstaltung.
Shane folgte ihrem Blick, erstarrte einen halben Augenblick und traf dann eine Entscheidung mit der Geschwindigkeit eines Mannes, der auf dem Eis von Instinkt lebte.
„Ich muss weg“, sagte er.
Dann stellte er den halbgefüllten Teller ab und ging schnurstracks Richtung Toiletten.
Ilya sah auf den Teller und sah ihm nach. Anya war jetzt nur noch wenige Schritte entfernt. Ilya sah Shane nur einen Augenblick nach und murmelte dann, bewusst sarkastisch und sehr zufrieden mit sich selbst: „Transatlantiker.“
Als Anya bei ihm ankam, hatte Shane den Rückzug bereits vollendet.
„Hat Herr Hollander sie gerade mit dem Fisch sitzengelassen, Kapitän Rozanow?“
Ilya richtete sich auf und konterte „Dieser dekadente Brite? Er nimmt sich zu viel und lässt dann die Hälfte stehen, typisch kapitalistischer Westen und bourgeoise Dekadenz.“
Anya nahm einen Teller und legte ein Ei und eine Scheibe Lachs darauf, dazu ein kaviarbelegtes Blini. Dann fragte sie: „Kennen Sie Herrn Hollander besser?“
Ilya nahm sein Glas Wodka vom Buffet, sah kurz zu der Stelle, an der Shane verschwunden war, trank es in einem Zug aus und sah dann wieder zu ihr. Jetzt war das Gespräch offiziell. Und Shane war nicht mehr da, um es zu entschärfen.
Anya sah Ilya über den Rand ihres Tellers hinweg an.
„Sie haben ihn und den CVP heute besiegt. Trotzdem standen Sie friedlich am Buffet. Er lief nicht vor Ihnen weg. Er lief vor meiner Frage weg.“
Ilya legte eine weiter Limettenschale sauber auf seine Zunge. Erst nachdem er sie geschluckt hatte, antwortete er.
„Dann stellen Sie wahrscheinlich gute Fragen.“
„Oder unpassende.“
„In diesem Festsaal ist fast alles unpassend, was nicht nach Meeresökologie schmeckt. Das ist sein Stil.“
Jetzt sah Anya doch zu ihm wie jemand, der einschätzte, ob vor ihr ein brauchbarer Erwachsener stand oder nur eine weitere dekorierte Form von Muskelmasse.
„Sie haben ihn unten auf dem Eis beobachtet. Dann von oben von der Ehrenplattform. Dann wieder unten hier am Buffet. Das ist entweder Gewohnheit oder Sorge.“
„Oder Langeweile“, sagte Ilya. „Ich muss meine Gegner kennen. Aber Hollander ist nur langweilig. Der Ghanese in seinem Team war ein wesentlich gefährlicherer Stürmer. Und der britische Tormann war nicht leicht auszumanövrieren.“
„Langeweile schaut anders.“
Ilya trank einen weiteren Schluck Wodka aus einem frischen Glas. Die Musik aus der Halle wechselte. Über die Bildschirme sah man, dass eine silberne Plastikqualle über das Eis gezogen wurde, als hinge die Rettung der Ozeane von guten Requisiten ab. Das Orchester stimmte Vivaldis „Sovente il sole“ aus Andromeda liberata an. Mit einer kleinen Glitzershow trat ein Startenor auf das Eis, verkleidet als barocker Sonnenkönig, und begann zu singen.
„Und Sie?“, fragte Ilya. „Zählen Sie immer Blicke mit, wenn Sie eingeladen werden?“
„Nur wenn andere Menschen anfangen, Nachrichten über das Eis zu schicken.“ Anya lauschte einen Moment, dann hob sie leicht die Brauen. „Oh, interessant. Das ist Dinmukhammed Qanatuly Qudaibergen. Stromberg hat den weltbekannten Kasachen hierhergeholt.“
Das saß.
Ilyas Gesicht veränderte sich kaum. Nur die völlige Leichtigkeit darin verschwand.
„Vielleicht schreiben Sportler einander“, sagte er. „Es soll vorkommen, um sich abzulenken. Ich bekomme vor dem Spiel auch immer Nachrichten.“
„Natürlich. Auch von Shane?“
„Woher sollte ich seine Nummer haben?“ Ilya blickte demonstrativ nach unten auf den Lachs. „Der Kasache singt wirklich gut.“
„Ilya Grigoriewitsch Rozanow“, sagte Anya ruhig. „Ich kannte Ihren Großvater.“
Ein kurzer Stillstand entstand. Nicht, weil Ilya überrascht gewesen wäre, sondern weil er jetzt wusste, dass sie genug gesehen hatte, um gefährlich zu werden. Er nahm eine Scheibe Lachs mit der Gabel, ohne sie zu essen.
„Ich kannte ihn nur kurz“, sagte er. „Er hat mich für das Hockeyspielen und das Eis begeistert. Hat er Sie auch rekrutiert?“
Er musterte gespielt ihre Muskulatur und versuchte, witzig zu wirken.
„Nicht ganz“, sagte Anya. „Er hat mich als Mädchen für die andere Firma rekrutiert, für die er gearbeitet hat.“
Sie suchte etwas auf der Buffetinsel, dann nahm sie ebenfalls eine Limettenscheibe und legte sie auf ihren Teller.
Ilyas Augen weiteten sich. Instinktiv schaute er nach der Toilettentür, hinter der Shane vor einer gefühlten Ewigkeit verschwunden war.
„Naive Männer sind oft nützlicher als eingeweihte“, sagte Anya. „Hollander hat von einem dänischen Wissenschaftler etwas zugesteckt bekommen, mit dem er nichts anfangen kann. Mütterchen Sowjetunion aber schon.“
Ilya sah sie nun direkt an. Zum ersten Mal ohne Umweg.
„Hollander ist kein Kurier.“
„Woher wissen Sie das?“
„Weil er für so etwas zu sichtbar ist. Und zu schlecht im Lügen.“
Anya ließ den Satz einen Augenblick stehen, aß ein Stück Lachs mit Limette und wirkte so unauffällig wie jede andere Frau auf dieser Gala.
„Sie mögen ihn.“
„Nein.“
Er räusperte sich, trank einen Schluck Wodka und stellte das Glas ab.
„Aber ich mag noch weniger, wenn Leute einen Spieler in etwas hineinziehen, das nichts mit dem Eis zu tun hat.“
Anya sah wieder kurz zu den Bildschirmen, bevor sie ein gefülltes Ei vom Buffet nahm. Die Plastikmüllskulpturen standen jetzt wie kleine künstliche Inseln auf der weißen Fläche. Zwei Funktionäre applaudierten bereits, obwohl noch gar nichts begonnen hatte.
„Sie klingen, als wollten Sie ihn schützen.“
„Vielleicht will ich nur nicht, dass dumme Menschen den langweiligen Briten unter Druck setzen.“
„Und ich dachte, Russen seien pragmatisch.“
„Sind wir. Gerade deshalb sage ich es.“
Anya nahm einen kleinen Bissen vom Blini. Kaviar, Butter, Kälte.
„Dann seien Sie pragmatisch. Was genau sagen Sie mir?“
Ilya hob sein Glas kurz an. Nicht als große Geste. Eher, weil er für den nächsten Satz nicht beide Hände frei haben wollte, auch wenn er sie nicht benutzte.
„Lassen Sie Shane in Ruhe!“
Er zögerte und überlegte sichtbar, ob das nächste Wort klug, wahnsinnig oder verräterisch war.
„Bitte.“
Anya antwortete nicht sofort.
Ilya sprach weiter: „Wenn es etwas gibt, das Hollander hat, nehme ich es ihm weg und bringe es Ihnen. Er wird nicht nachfragen. Wenn Sie Material brauchen, besorge ich Ihnen Material. Zum Beispiel, was die Schweizer Ratte im Hotel heute Abend wirklich will, die mit allen Teammanagern gesprochen hat.“
Das Wort „Schweizer“ klang fast wie ein Schimpfwort. Anya registrierte es.
„Meinen Sie den Unterschläger Pjetre de Vraas? Oder den Finanzoptimierer Valé?“
„Ich meine den Mann, der aussieht, als würde er sogar seine Manschettenknöpfe weiterverkaufen.“
Ein Hauch von Trockenheit lag darin, gerade genug, um zu zeigen, dass Ilya nicht improvisierte, sondern entschieden hatte. Anya hatte auch bemerkt, dass er nach seinem kurzen emotionalen Ausrutscher, in dem er Hollander beim Vornamen genannt hatte, den Panzer wieder angelegt hatte.
„Und warum sollten Sie das für mich tun?“
„Weil Sie Russin sind. Und weil das hier, falls es mit Energie zu tun hat, nicht bei einem britischen Sportler oder irgendeinem schweizerischen Händler enden sollte. Sie arbeiten doch für Rosatom, oder?“
Anya betrachtete ihn einen Moment lang. Nun wirklich interessiert.
„Das ist Ihr Appell an sowjetische Russensolidarität?“
„Nennen Sie es, wie Sie wollen. Solidarität. Patriotismus. Leninismus. Effizienz. Mir egal, solange Sie verstehen, dass Hollander dafür nicht der richtige Mann ist.“
„Und Sie schon?“
„Ich bin wenigstens nicht überrascht, dass heute Abend gelogen wird.“
Ein Kellner trat kurz zwischen sie, entschuldigte sich, stellte zwei frische Wodkagläser hin und verschwand wieder mit der lautlosen Eleganz gut geschulten Personals.
Dann kam Magnus, stellte sich neben die beiden und legte acht Scheiben Lachs als Turm auf seinen Teller.
Anya sah beiläufig auf das Ungetüm aus Fisch, dann wieder zu Ilya.
„Wenn ich ihn aus dem Spiel nehme, verliere ich vielleicht den direkten Zugang zu dem, was Lind verteilt hat.“
„Dann suchen Sie nicht den Träger. Suchen Sie, wer geglaubt hat, er könne Hollander benutzen, ohne dass es jemand merkt.“
„Der ist verschwunden. Eine Sackgasse.“
„Was hat der Verschwundene ihm gegeben? Ich besorge es.“
Kein Pathos, nur Wille.
Magnus hob den Kopf.
„Wer ist verschwunden?“
Anya zog Ilya liebevoll mit sich.
„Wir beide wollten gerade verschwinden, um uns privater unterhalten zu können.“
Magnus nickte anerkennend zu Ilya und ging dann mit seinem vollen Fischteller und einem Wodkaglas zurück zur Gruppe der österreichischen Kadetten, die mit Himbeersaft und Scampispießchen abgespeist wurden.
„Gratuliere übrigens zum Sieg, Kapitän Rozanow!“, rief er noch.
Aber Ilya hörte ihn schon nicht mehr. Anya schob ihn Richtung Ausgang.
„Sie kennen Herrn Hollander also doch besser? Warum sollte er Ihnen etwas geben?“
„Weil manche Dinge auffallen, wenn man oft genug gegen denselben Menschen gespielt hat.“
Anya nickte fast unmerklich: Das war keine Romantik, keine Beichte, aber genug zum Weiterarbeiten.
„Gut“, sagte sie. „Dann formuliere ich es präziser.“
Sie stellte ihren Teller auf den Rand eines Stehtischs und trat einen halben Schritt näher. „Wenn Herr Hollander dumm ist, ist er ungefährlich. Wenn er naiv ist, ist er benutzbar. Wenn er eingeweiht ist, wird er für mich zum Problem.“
Ilya hielt ihren Blick nicht aus, sondern schaute zu Boden. Worte wie ein Messer.
„Dann sparen Sie sich den dritten Fall. Er ist keiner von Ihren Leuten. Er ist ein Hockeyspieler.“
„Hockeyspieler sind oft mehr, sobald das Geld ausreichend genug wird.“
„Nicht dieser.“
Der Satz kam zu schnell. Anya hörte genau das, was sie hören wollte: nicht Information allein, sondern Investition.
„Sie sind sehr sicher.“
„Ja.“
„Das macht Sie entweder loyal oder blind.“
„Vielleicht bin ich nur besser informiert als Sie. Ich habe erst vor kurzem gegen in gespielt in Illinois.“
Ein kurzes Grinsen lag um Anyas Mund.
„Dann informieren Sie mich!“
„Nicht hier.“
Sie sah zum Buffet, zu den Sponsoren, zur WEO-Vertreterin, zur Glasfront, zu Ravn, die weiter hinten bei zwei Journalisten stand. Ilya war bereit für den nächsten Schritt.
„Sie machen Angebote, als hätten Sie Übung darin“, sagte Anya.
„Nein. Ich mache heute Abend eine Ausnahme.“
Von oben stieg höflicher Applaus auf. Das Eisstockschießen auf Plastikmüll hatte offenbar begonnen. Eine Frau neben dem Hummerstand sagte begeistert „wie originell“, als wäre Zivilisationskritik in Form von Bühnenplastik noch nicht oft genug von reichen Menschen geliebt worden.
„Und wenn ich Shane trotzdem nicht aus dem Blick nehme?“
„Dann werde ich annehmen, dass Sie an einer Lösung nicht interessiert sind.“
„Das klingt fast wie eine Drohung.“
„Ich kann jemanden wie Sie nicht bedrohen“, sagte Ilya. „Aber vielleicht befriedigen. Wie ein Arbeitsverhältnis?“
Sie sah ihn an. Dann hinauf auf die Bildschirme. Dann dorthin, wo Shane verschwunden war.
Sie hatte zwar noch nicht genug, aber ausreichend, um die Lage neu zu bewerten: Shane war nicht der Planer. Shane war nicht der Käufer. Shane war nicht einmal ein guter Lügner. Shane war die Verpackung. Und Ilya war der Mann, der das Papier vom Paket reißen würde, weil es ihn störte.
„Gut“, sagte Anya. „Dann besorgen Sie mir das Material und kommen in Suite 365 im dritten Stock!“
Ilya nickte nicht einmal sichtbar.
„Und Sie lassen ihn vorerst in Ruhe?“
„Vorerst ist ein schönes russisches Wort“, sagte Anya, bevor sie zu den Liften ging.
„Eigentlich nicht.“
Zum ersten Mal lächelte sie wirklich.
Ilya sah noch einmal in die Richtung, in die Shane verschwunden war.
„Bitte sei nicht dümmer als nötig“, sagte er leise, fast nur für sich. Dann tippte er in sein Mobiltelephon „Suite 169 in zehn Minuten!“

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