Das Verschwinden

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Nach dem Applaus für die Kadetten, den Fahnen, die sich im roten Licht spiegelten, glitt der Abend mit einer erstaunlichen Rücksichtslosigkeit in seinen nächsten Programmpunkt, als könne man politische Bündnisse durch einen Anpfiff ordnen.
Die Eisfläche wurde geteilt.
Fünf Tore standen nun auf dem Feld an den Ecken eines fiktiven Pentagramms. Jede Bündnismannschaft spielte gleichzeitig gegen alle anderen, ein Schaubild kontrollierter Unübersichtlichkeit, ein taktischer Sturm auf Sicht.
Das Publikum liebte es sofort. Menschen applaudierten gern Dingen, die kompliziert aussahen, solange sie von außen nach Spektakel rochen und von innen nach Regeln behauptet werden konnten.
Ilya Rozanow liebte es auch, dass endlich etwas geschah, das sich nicht in Gläsern, Lächeln und mehrsprachigen Begrüßungen erschöpfte.
Schon nach den ersten dreißig Sekunden war zu sehen, was die meisten im Saal nicht verstehen würden und was Sportler sofort verstanden: Der Sozialistische Beistandspakt würde dieses Schauspiel gewinnen, weil Ilya das Eis behandelte, als gehöre es nur ihm und den Fehlern anderer. Er führte sichtbar aggressiv. Er las Laufwege, bevor andere sie beschlossen hatten, zwang das Spiel in enge Winkel, schnitt Pässe ab, schickte Mitspieler mit kurzen, kalten Kommandos in Räume, aus denen es keine eleganten Ausreden gab.
Die Mannschaften des Commonwealthverteidigungspaktes, der Kontinentalverteidigungsgemeinschaft, des Panasiatenpaktes und des Schwert-des-Islam-Paktes begriffen nacheinander, dass sie nicht gegen vier Teams spielten.
Sie spielten gegen Ilyas Willen.
Shane Hollander erkannte es nach zwei Wechseln.
Er hätte fast gelächelt, wenn er nicht gleichzeitig spürte, dass etwas in der Innentasche seiner Hose schwerer war, als ein normaler Puck es sein durfte. Linds Gegenstand zog an seiner Aufmerksamkeit wie ein schlechter Gedanke. Zweimal griff Shane unbewusst nach dem Stoff über der Tasche, als müsse er prüfen, ob der Puck noch da war.
Anya sah das vom Rand des Gästeumlaufs: Die wiederholte, kurze Sicherungsbewegung eines Mannes, der etwas bei sich trug, das er nicht verstand. Sie saß neben einem Arrangement aus weiß lackiertem Treibholz und rotem Licht, die Arme locker verschränkt, äußerlich nur eine elegante Frau in dunkelgrünem Kleid und Smaragden, die für wohltätigen Wintersport höflich Interesse zeigte. Innerlich stellte sie bereits Wege, Räume und Zeitfenster um.
Claudia Tiedemann sah etwas anderes: Sie sah Lind.
Er stand nicht mehr dort, wo er nach dem Puckmoment gestanden hatte, sondern unterhalb des Hauptumlaufs im Bereich des Glasganges, der später zum Arenenhotel führte. Zwei Sicherheitsleute in eisweißen Anzügen flankierten ihn mit jener falschen Höflichkeit, mit der man einem Mann signalisierte, dass er formell noch Gast war, materiell aber bereits eskortiert wurde.
Ravn hatte gute Leute ausgesucht. Sie sahen nicht nach Gewalt aus. Sie sahen nach Verantwortung aus. Das war unheimlicher.
Claudia versuchte so elegant als möglich aus dem Zuschauerbereich zu kommen, aber einige Sitzende mokierten sich schon über ihr Durchzwängen. Lind sprach mit den beiden Sicherheitsleuten. Seine Hände bewegten sich nur einmal, kurz, als wolle er etwas erklären, das niemand erklärt bekommen wollte.
Oben in der Königsloge saß de la Motte neben Prinzessin Indulan und spendete höflichen Applaus für einen Spielzug, der sie in Wirklichkeit nicht interessierte. Ihr Blick ging zu selten aufs Eis und zu oft auf die Architektur.
Stromberg bemerkte das.
„Sie hört nicht gern zu, wenn es um Sport geht.“, sagte er leise.
Ravn stand neben ihm, das Gesicht ungerührt.
„Darum spricht Lind heute Abend auch nicht mehr mit ihr.“
„Er spricht am besten gar nicht mehr.“
„Er wird auf sein Zimmer gebracht.“
Stromberg sah hinunter zu Lind, der zwischen den beiden Begleitern auf den Hotelflügel zuging.
„Hoffen wir, dass sein Gewissen keinen Sekundärzerfall erleidet.“
Auf dem Eis schoss Ilya den dritten Treffer für den Sozialistischen Beistandspakt. Ein harter, sauberer Handgelenksschuss in eines der seitlichen Tore, während zwei andere Mannschaften sich noch darüber stritten, wer wen decken sollte. Das Publikum reagierte mit einer Mischung aus Staunen und höflicher Irritation. Sport war willkommen. Überlegenheit machte diplomatische Gäste nervös.
Die Kinder am Rand der Eisfläche warteten bereits auf ihren nächsten Einsatz.
Sie trugen Seegraskostüme in schillerndem Grün, hellblaue Seesterne, silberne Fischkappen und Stoffflossen, die im Bühnenlicht mal rührend, mal leicht bedrohlich wirkten. Hinter ihnen standen moderne Skulpturen aus Plastikmüll: zu Säulen gepresste Wasserflaschen, transparente Wellen aus zerschnittenen Kanistern, ein aus alten Fischernetzen gebauter Torbogen, in dem bunte Verschlüsse glitzerten wie schlechte Edelsteine. Die Installation war aufwendig, moralisch aufgeladen und auf jene Weise sehr teuer, die reiche Menschen lieben, weil sie dabei für einen Moment glauben dürfen, Schönheit und Besserung hätten denselben Sponsor.
Dann setzte die Musik ein, ein Orchester auf der oberen Galerie, deren Ansager sie vorher mit feierlicher Stimme als Strawinskys Sacre du Printemps angekündigt hatte, was mindestens drei Menschen in der Arena innerlich zusammenzucken ließ und dem Rest des Publikums völlig gleichgültig war. Die Kinder begannen zu tanzen. Seegrasarme schwankten, Seesterne drehten sich, kleine Körper liefen zwischen den Plastikskulpturen hindurch und formten in höflich einstudierter Öko-Poesie ein Ballett der bedrohten Ozeane.
Das Publikum applaudierte schon nach den ersten Takten.
Kopenhagen war an diesem Abend bereit, fast alles zu beklatschen, solange es kalt genug leuchtete.
Lind hatte im Gang zum Hotel die ferngesteuert verriegelte Glastür fast erreicht. Noch vier Schritte. Einer der Sicherheitsleute zog bereits seine Schlüsselkarte hervor, obwohl sie beide wussten, dass die Tür nicht auf eine Karte reagierte, sondern von oben geöffnet werden musste. Lind hob den Kopf, als hätte er etwas gespürt. Ein sehr feines Zittern in der Luft vielleicht, ein Druckabfall, eine Unordnung der Temperatur, die nur jemand bemerkte, der sich zu lange mit falscher Kälte beschäftigt hatte.
Claudia sah es zuerst an der Scheibe.
Die Glaswand des Übergangs trug für einen Sekundenbruchteil einen silbrigen Schimmer, als laufe Reif von innen nach außen durch das Material. Der Lichtstreifen über der Tür flackerte. Die Luft zog sich zusammen. Kein Wind. Eher eine plötzliche Abwesenheit von Wärme.
Dann kam die Welle.
Sie war unsichtbar, solange man unsichtbar nicht mit harmlos verwechselte. Ein einziger, lautloser Schlag durch die Temperatur. Ein Ausbeulen der Wirklichkeit. Lind riss die Augen auf. Einer der Sicherheitsleute machte instinktiv einen Schritt zurück, der andere noch einen halben nach vorn, als könne man einen Mann mit einem Reflex festhalten, der gar nicht mehr im selben Moment stand.
Lind verschwand.
Er war einfach noch da und im nächsten Augenblick nicht mehr. Wo er eben gestanden hatte, blieb nur ein harter Schwall eiskalter Luft zurück, so kalt, dass der Atem der beiden Sicherheitsleute sofort weiß in der Luft stand.
Der Ausweis von Linds Revers war zu Boden gefallen.
Einer der Männer fluchte leise. Der andere fuhr herum, als müsse irgendwo eine Tür aufgegangen sein, durch die ein Physiker von fünfundfünfzig Jahren gerade unbemerkt geflohen war. Beide wirkten für einen Moment nicht wie Sicherheitsprofis, sondern wie verzweifelte Menschen.
Claudia trat einen Schritt aus ihrem Versteck, ehe sie es bereute. Die Kälte traf sie schmerzhaft im Gesicht.
„Wo ist er?“, zischte einer der Sicherheitsleute.
„Wo haben Sie ihn hingebracht?“, fragte Claudia.
Beide Männer fuhren zu ihr herum. Sie kannten sie nicht genau, aber doch genug: technische Gästeliste, hessische Wissenschaftlerin, offizielle Akkreditierung. Zu legitim, um sie sofort wegzustoßen. Zu unpassend, um sich über ihr Hiersein zu freuen.
„Dieser Bereich ist gesperrt“, sagte der ältere von beiden.
Claudia sah auf Linds Ausweis am Boden, dann auf die gefrorene Spur, die sich am Rand des Türrahmens gebildet hatte.
„Ihr Mann ist gerade nicht durch eine reguläre Tür verschwunden.“
„Sie haben nichts gesehen.“
„Gesehen schon, aber nicht verstanden“, sagte Claudia trocken.
Der Jüngere drückte bereits auf sein Ohrmikrofon.
Claudia dachte schnell. Wenn Lind weg war, wenn die Sicherheitsleute gleich Ravn meldeten, was passiert war, dann würde in den nächsten Minuten jede halbtechnische Fläche der Arena bewacht werden. Jede normale Route würde geschlossen. Der Puck war noch bei Shane. Oder nicht mehr lange, wenn Shane zum Hotel ging, duschte, umzog und von hundert Menschen umgeben wurde, die an Sport glaubten, aber nicht an Zeitphysik.
Sie disponierte um.
„Hören Sie“, sagte sie und zeigte auf den gefrorenen Türrahmen. „Wenn Sie das melden, sollten Sie besser sofort den gesamten Gang isolieren. Falls das noch einmal passiert, wollen Sie keine Gäste in der Nähe.“
Es war die Sorte Satz, die Menschen befolgten, wenn sie keine bessere Idee hatten und jemand ihn in ruhigem Ton sagte.
Beide Männer sahen einander an. Das reichte Claudia. Sie ging nicht weg. Sie verschob sich nur aus ihrem Blickfeld. Ein halber Schritt zurück, dann hinter den Wandsprung, dann seitlich in den Servicering, wo Handtuchwagen, Reinigungskisten und Rollen mit Papierware auf ihren nächsten unsichtbaren Einsatz warteten. Keine Flucht. Eine Rechenoperation.
Auf dem Eis jubelte der Sozialistische Beistandspakt über einen weiteren Treffer.
Ilya gab kein sichtbares Zeichen des Triumphs. Er fuhr nur weiter, scharf, kontrolliert, als sei jeder Treffer lediglich ein Beweis dafür, dass die Welt tatsächlich so funktionierte, wie er angenommen hatte. Shane hatte inzwischen begriffen, dass das Schaukampfspiel verloren war, aber gewann in solchen Lagen wenigstens Haltung. Er legte zwei gute Vorlagen, fing einen Pass der französischen Linie ab und kassierte einen halben Check, den er normalerweise härter beantwortet hätte. Doch seine Gedanken waren nicht schnell genug beim Eis. Zu oft glitt seine Aufmerksamkeit an die schwere Tasche seiner Hose.
Anya sah, wie er das vor sich selbst zu verbergen versuchte.
Sie lächelte. Die letzten Minuten vergingen unter dem Klang des Kinderballetts, dessen kleine Seegrasarme sich nun um die Plastikmüllskulpturen wanden, als wollten sie die Ozeane von der Menschheit zurückerbitten. Das Publikum applaudierte gleichzeitig dem Sport und den Kindern und war sehr zufrieden mit sich.
Als das Spiel endete, stand der Sozialistische Beistandspakt vorn.
Ilya verließ das Eis, ohne sich umzudrehen.
Shane verließ es mit jener kontrollierten Konzentration, die bei sehr guten Spielern bedeutete, dass sie innerlich bereits beim nächsten Problem waren.
Die Mannschaften wurden in ihre jeweiligen Umkleidebereiche geführt. Handtücher, Duschen und Spinde.
Claudia erreichte den Commonwealthtrakt und versuchte, dem Personal nicht zu begegnen. Vor der Tür der Duschen stand ein Wagen mit weißen Handtüchern. Dahinter eine schmale Kabinenreihe, darüber die neutralen Piktogramme jener Architektur.
Stimmen. Lachen. Wasser. Alle Spieler duschten.
Claudia schob einen Reinigungswagen einen halben Meter weiter, nur weil Bewegung weniger verdächtig war als Stillstand, und schlüpfte dann in die Umkleidekabine. Commonwealth-Sportschuhe, britische Teamtaschen, Männerstimmen, deren Mischung aus Englisch, amerikanischem Vokalisat und Ghanäischem Dialekt mit dem Wasserrauschen verschmolzen war. Es klang nach jener erhitzten Lockerheit, die nach Sport kurz alles ungefährlich erscheinen lässt.
Claudia wartete nicht. Aber Physik und Diebstahl hatten etwas gemeinsam: Timing war wichtiger als Würde.
Manche Menschen warfen Kleidung wie eine Explosion in Kabinen, manche blieben selbst in Momenten höchster Anspannung so in ihren Ritualen verhaftet, dass selbst die abgelegte Sportkleidung gefaltet wurde. Shane war diese Art von Mensch, das hatte Claudia spätestens bei seinem Auftritt auf dem Eis bemerkt. Der Stoff lag gefaltet genug, um kontrolliert zu wirken. Hose auf der Bank. Hemd darüber. Jacke am Haken, selbst Socken und Unterhose waren gefaltet.
Claudia hielt den Atem an.
Wasser prasselte. Zwei Spieler diskutierten über Ilyas Führung. Jemand fluchte über ein Seegras-Kind, das ihm fast unter die Kufen geraten wäre. Irgendwo lachte einer über „Strawinskys barbarischstes Ballett“.
Sie stand vor Shanes Bank. Die Jacke hing offen, die Taschen: Leer. Claudia überwand kurz ihren Ekel. Die Hose lag gefaltet auf der Bank. Sie prüfte die Taschen. Die linke Gesäßtasche war leer. Die rechte nicht. Sie griff hinein. Der Puck war kälter als er sein sollte. Die Dusche lief weiter. Jemand begann auf Englisch ein Lied, das ihm offenbar nur bei Niederlagen einfiel.
Claudia zog den Puck aus der Tasche und schob ihn in die große Innentasche ihres eigenen Jackenblazers. Die Schulterpolster halfen. Es war vermutlich das erste Mal in der Geschichte, dass modische Rückständigkeit praktischen Nutzen hatte.
 
Hinter ihr duschten die Commonwealth-Spieler weiter, während draußen Kinder in Seegras- und Seesternkostümen den Schluss ihres Balletts tanzten und das Publikum begeistert applaudierte, als könne Kunst aus Plastikmüll und eiskalte Luft aus dem Nichts im selben Haus miteinander tanzen.
Claudia öffnet die Tür zur nächsten Damentoilette und verschwand darin. Weiße Marmorplatten, kaltes Licht hinter Spiegeln, Stahlmessingarmaturen und ein Duft, der teuer genug war, um als Parfum gelten zu können. Claudia ging an den Waschbecken vorbei, ohne auch nur einen Blick in den Spiegel zu werfen. Sie prüfte kurz, ob außer ihr noch jemand im Raum war.
Eine Frau im Abendkleid stand am Waschtisch und erneuerte lautlos ein zu perfektes Make-up. Eine zweite Kabine war geschlossen. Dahinter hörte man das diskrete Rascheln eines Abendkleids und das ungeduldige Schließen einer kleinen Handtasche.
Claudia wartete keinen unnötigen Atemzug. Sie ging in die letzte Kabine, schloss ab und stellte sich sofort mit dem Rücken zur Tür.
Dann holte sie den schwarzen Puck hervor. Im engen Licht der Kabine wirkte er weniger wie ein Souvenir als zuvor. Claudia drehte ihn in der Hand.
Auf der Oberfläche spürte sie die feine Gravur des Atlantis-Logos der Strombergstiftung. Unter der Gravur aber fühlte sie einen kaum sichtbaren Ring, der nicht ganz bündig versenkt war. Sie nahm eine Haarnadel aus ihrer Frisur. Ein kurzer Druck an die unscheinbare Vertiefung unter dem Schriftzug bewirkte nichts. Sie drehte den Puck um. Am Rand war eine zweite winzige Kerbe. Wieder Druck. Diesmal ergab sich ein kaum hörbares Klicken.
Der Puck löst sich in zwei saubere Hälften und gab den Blick auf eine kreisförmig eingelegte Metallplatte frei mit mikroskopisch feinen Gravuren, kaum breiter als eine Münze, und darunter einem winzigen dunklen Einsatz, der wie ein Schlüsselchip aussah, aber zu speziell für gewöhnliche Elektronik war.
Claudia zog die innere Scheibe vorsichtig heraus. Auf ihrer Rückseite war ein architektonischer Plan eingeätzt, der den Bereich unter Hotel und Arena wie ein Labyrinth aufschlüsselte: Servicegänge, ein Lastenlift, eine markierte Zone mit der Kennzeichnung: KRYOLOGIE / TECHNIK EBENE -2 darunter eine Zahlenfolge. Claudia las sie einmal. Dann noch einmal. Das musste eine Zugangskennung sein.
Unter der Metallplatte saß der schwarze Einsatz in einer magnetischen Fassung. Claudia löste ihn mit dem Fingernagel heraus. Der Chip war auf einer Seite glatt. Auf der anderen mit einer kaum sichtbaren Spiralstruktur versehen. Sie sah wieder auf den eingravierten Teilplan. Der Servicekorridor, der verglaste Verbindungsgang, die vertikale Achse zum Hotel, und darunter ein Labor, das in keinem öffentlichen Bauplan dieses Gebäudes auftauchen würde. Ein weiteres Stockwerk unter dem Keller des Hotels. Das, was sie oben an Effizienztechnologie hätte kaufen können, würde nichts im Verhältnis zu dem sein, was hinter dieser verschlossenen Türe unter dem Hotelkeller liegen könnte.
Von draußen drang das gedämpfte Geräusch einer sich öffnenden Toilettentür herein. Schritte. Wasser lief. Eine Frau hustete leise in den Spiegel.
Claudia blieb vollkommen ruhig. Sie legte die beiden Puckhälften nebeneinander auf den geschlossenen Toilettendeckel, zog ihr Mobiltelephon hervor und machte ein Photo. Sie sah sich den Plan noch einmal an, prägte ihn sich ein, zählt Wege, Abzweigungen, die Breite des Servicegangs, den Zugang von der Hotelseite durch das Lastenaufzugsstiegenhaus. Dann erst baute sie alles wieder zusammen: Metallscheibe zurück, Schlüsselchip in die Fassung, Hälften aufeinander, ein kurzer Druck, Klick. 
Claudia steckte den Puck in ihre Tasche. Jetzt ergab Linds Nervosität Sinn. Der Puck war nie Botschaft allein. Er war Wegbeschreibung und Zugang in einem. Draußen verließ die Frau am Waschbecken die Toilette. Die zweite Kabine öffnete sich. Eine Prominente murmelte etwas über zu kalten Wodka und zu wenig Zitrone. Claudia entriegelte die Tür nicht sofort. Sie dachte nach. Lind wollte nicht verkaufen, das hätte er diskret bei der Technikerbesprechung machen können. Er wollte, dass jemand den Ort unter dem Hotel findet, bevor Ravn und ihre Leute ihn erschießen konnten. Und er hatte ausgerechnet Shane als Transportweg gewählt, weil Sichtbarkeit oft die beste Tarnung war. Damit irgendwer dann diese in der EU hergestellten Informationen einfach gratis abgreifen könnte. Wie könnte sie von Hollander herausfinden, für wen das Geschenk gedacht war? Claudia betätigte die Spülung, auch um ihren Abscheu vor diesem Verrat an Europa wegzuspülen.
Claudia öffnete die Kabinentür und trat an den Waschbereich. Sie wusch sich die Hände, obwohl sie sie nicht schmutzig gemacht hatte, und sah im Spiegel nicht sich selbst an, sondern den Raum hinter sich.
Sie trocknete die Hände mit einem weißen Damasttuch, warf es präzise in den Korb und ging zur Tür. Sie öffnete die Tür und trat zurück in den Korridor. Der Abend draußen klang immer noch nach Kultur, Geld und frostiger Höflichkeit. Claudia ging zurück zum Verbindungsgang zum Hotel, wohin jetzt die Masse der Gäste wogte, um sich am Buffet zu laben. Claudia suchte keine Lachsbrötchen oder Groggläser, sondern nach dem Labor unterhalb des Hotelkellers.
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