Magnus betrachtete das geschlossene Betontor mit seinem Bier in der Hand.
„Wenn das hier hält, möchte ich bitte, dass Hessen beim nächsten Krieg Beton bekommt.“
„Es gibt keinen nächsten Krieg in Hessen.“, sagte Claudia.
Aus dem Aufgang krachte ein Schuss.
Die silberne Qualle platzte an einer Seite auf. Plastiksplitter sprangen über den Beton.
Magnus duckte sich hinter einen geparkten Wagen.
„Ich korrigiere: Es ist eine sehr laute Schießübung.“
Die Kadetten gingen gleichzeitig in Deckung. Manche hinter Autos, andere hinter Säulen, einer hinter einem elektrischen Lieferroller, der weder Schutz noch Würde bot. Berger und Björkhagen warfen sich hinter eine Limousine, Bögös und Brunthaler hinter einen Betonpfeiler. Ringhofer zog die Aquavitgläser von der Motorhaube, als seien sie militärisch relevantes Material.
Kadettin Caba blieb einen Moment zu lange stehen, bis Bauer sie am Ärmel hinter einen SUV zog.
„Runter!“
„Ich bin unten!“
„Noch weiter unten!“
Ein zweiter Schuss.
Der Fischernetzbogen riss auseinander. Bunte Plastikdeckel regneten auf den Boden.
„Ist das wegen der Skulpturen?“, rief Fliesser hinter einer Säule hervor.
„Oder wegen dem Auto?“, fragte Guldovacz.
„Es ist kein Auto mehr“, sagte Anya, die das Lenkrad festhielt und harsch wendete, weil bei der Betonwand kein Durchkommen war. „Es ist jetzt ein Einsatzfahrzeug.“ Anya rollte langsam Richtung Rampe bergab zum Servicegang.
„Sie haben es mit einer Haarnadel geöffnet! Das ist steiler als der Traunstein!“, rief Köck.
Claudia griff auf das Lenkrad „Sie planen jetzt nicht gerade, mit dem Auto und den vorgeschobenen Plastikteilen Ravn zu überfahren? Die haben Schusswaffen und wir haben radioaktiven Müll im Kofferraum - neben zwei Spitzensportlern.“
„Vielleicht ist das ein politisch motivierter Terroranschlag“, sagte Schmalzl sehr ernst.
„Oder religiös“, sagte Pfingstner. „Der Fischernetzbogen hatte etwas Christliches.“
„Das war Plastikmüll!“, rief Claudia.
„Man kann aus allem Liturgie machen“, murmelte Magnus. „Fragt Österreich.“
Dann kam Ravn.
Nicht allein.
Sie trat hinter der zerschossenen Plastikbarriere hervor, flankiert von sechs Sicherheitsleuten in eisweißen Schutzjacken. Zwei trugen Pistolen, einer ein kompaktes Gewehr, zwei weitere Schlagstöcke und Funkgeräte, und der letzte hielt sich offenbar für den Mann, der in solchen Momenten Türen öffnete, auch wenn gerade keine Tür vorhanden war.
Ravn sah aus, als habe ihr jemand einen sehr teuren Abend mit billigem Chaos bekleckert.
„Weg von dem Wagen, aussteigen und Hände auf die Motorhaube“, rief sie.
Ihre Stimme hallte durch den Beton.
Claudia stieg aus, nachdem sie kaum merklich den Puck in das Handschuhfach gleiten gelassen hatte. Dann stellte sie sich neben den Wagen und hielt ihr Dosimeter fest an die Wand des Wagens. Das Klicken war immer noch zu schnell.
„Frau Ravn“, rief sie zurück, „ich würde Ihre Leute bitten, das Schießen einzustellen. Sie stehen in einer Tiefgarage voller nuklearer Rückstände, improvisierter Kunst und österreichischer Schüler. Das ist selbst für Dänemark eine ungünstige Mischung.“
„Geben Sie die Ringe zurück!“
Anya stieg aus dem Wagen, Pistole in der Hand, Blick kalt.
„Sie zuerst.“
„Was zuerst?“
„Öffnen Sie das Tor! Jede Seite setzt ein Zeichen des Vertrauens.“
Ein weiterer Schuss schlug in den Beton über ihnen. Staub rieselte auf Shanes Schulter.
Ilya und Shane zuckten zusammen im Ladebereich des Wagens neben den beiden Fässern und den drei Ringen.
Shane wollte sich aus Ilyas Griff lösen, aber Ilya hielt ihn fest. Nicht grob. Nur mit jener instinktiven Entschlossenheit, mit der er auf dem Eis einen Gegner aus der Schussbahn genommen hätte. Genau in diesem Moment prallte ein Projektil von einem Metallträger ab, schlug durch die Bleiwand des Wagens gegen den nächstliegenden Neptuniumring und riss dort einen dunklen, scharfen Splitter heraus.
Der Splitter flog nicht weit. Er musste das auch nicht. Ilya stieß instinktiv Shane zur Seite. Dann zuckte er zusammen. Für einen Augenblick sah er nur überrascht aus. Fast beleidigt, als hätte sein eigener Körper gegen eine Absprache verstoßen. Dann griff er an seinen Oberschenkel.
Blut lief zwischen seinen Fingern hervor.
Viel zu schnell.
Shane wurde weiß.
„Ilya!“
„Nicht dein dramatischster Ton“, presste Ilya hervor. „Aber nah dran.“
Er sackte gegen die Rückwand.
Shane fing ihn auf, halb im Knien, halb im Stolpern.
„Claudia!“
„Was?“ Claudia lief, ohne auf Ravn zu achten, zur Rückseite des Wagens und riss die Türflügel auf. Sie sah das Blut, sah den Ring, sah den dunklen Splitter in Ilyas Oberschenkel und fluchte auf Hessisch so trocken, dass selbst Anya kurz den Kopf hob.
„Nicht anfassen!“, rief Claudia. „Nicht herausziehen!“
Anya war bereits auf dem Weg, aber Caba und Bauer waren schneller.
Caba glitt neben Ilya auf die Knie, als hätte sie in ihrem Leben genau auf einen Moment gewartet, in dem ein internationaler Eishockeyspieler mit einem radioaktiven Splitter im Bein in einer dänischen Tiefgarage lag. Bauer riss ihre Verbandtasche auf, die offenbar jeder Kadett des Leopoldinischen Militärgymnasiums mit sich führte, als rechne Österreich jederzeit mit lehrreichem Blutverlust.
„Druck seitlich“, sagte Caba. „Nicht auf den Splitter. Bauer, Kompresse. Fester. Nein, fester.“
„Ich mache fest!“
„Dann mach fester als fest!“
Shane hielt Ilyas Schulter.
„Sie wissen, was sie tun?“
Caba sah ihn nur kurz an.
„Wir sind Kadetten. Wir können Walzer tanzen, zitieren und Blutungen versorgen.“
„Heute offenbar alles am selben Abend“, murmelte Ilya.
Bauer legte den Druckverband an. Caba kontrollierte den Puls, zog Ilyas Schutzmantel am Bein weiter auf und sah den Splitter genauer an, ohne ihn zu berühren.
„Dunkles Metall. Eintrittswunde tief. Blutung stark, aber nicht spritzend. Er bleibt bei Bewusstsein.“
Claudia rutschte neben sie, hielt das Dosimeter an Ilyas Bein und hörte das schnellere Klicken.
„Verdammt.“
Shane sah sie an.
„Wie schlimm?“
„Schlimmer als mir lieb ist, aber immer noch besser als tot.“
Die Tiefgarage wurde stiller. Nicht still. Nur konzentriert. Claudia löste die Gurte der Fässer und rollte sie zum hinteren Wagenende. „Los, runterheben und ja nicht fallen lassen“, schrie sie acht Kadetten an, die hinter Säulen warteten. „Und dann sofort wieder weg! Nicht zu lange im Radius der Strahlung bleiben.“ Claudia wartete, bis die Kadetten die Fässer auf den Boden gelegt hatten, dann schubste sie das erste in Ravns Richtung. Anya verstand den Wink und zielte mit ihrer Pistole auf das Fass.
Ravn starrte zu den Fässern.
„Das würden Sie nicht tun.“
„Ich würde es sehr ungern tun. Das ist nicht dasselbe. Sie haben einen unserer Leute verletzt, sie gefährden unschuldige österreichische und hessische Kadetten.“
„Ich bin hessischer Gymnasiast, nicht Kadett“, gurgelte Magnus hinter einer Limousine hervor, doch Anya beachtete ihn gar nicht.
Claudia stellte sich neben Anya und rief zu Ravn und ihren Männern hinüber:
„Verglaster Atommüll. Die Behälter sind belastbar, aber nicht für eine absichtliche Talfahrt über Beton gebaut. Wenn das Glas springt, weil Anya hineinschießen muss, um Sie aufzuhalten, haben Sie im ganzen Keller radioaktives Material. Auf Ihren schönen Schuhen, in Ihren teuren Autos, in Ihren lustigen Lüftungsschächten und in Ihrem Bericht für Meister Stromberg. Und glauben Sie mir, der Bericht wird hässlicher als diese Plastikskulpturen.“
Magnus hob hinter einem Auto die Hand.
„Die Skulpturen waren schon vorher hässlich.“
„Nicht jetzt!“, rief Claudia.
Ravn hob die Hand, und ihre Wachen hielten inne.
Sie stand unten an der Rampe, halb hinter einem Pfeiler, den Blick auf das vordere Fass gerichtet. Ihre Maske war zurück, aber sie saß nicht mehr perfekt.
„Sie bluffen.“
„Ich bin Nuklearphysikerin aus Hessen“, sagte Claudia. „Wir bluffen nie!“
Anya blickte zu ihr.
„Das Risiko ist real.“
„Danke, Frau Amasowa, ich hatte gehofft, der Geheimdienst würde meine Drohung validieren.“
„Gern.“
Ravn rief: „Die Tore nach oben sind geschlossen. Niemand kommt zur Gala zurück. Und ich kann auch die Tore nach unten schließen, wenn Sie weiter glauben, dass Sie verhandeln.“
Anya sah zum Ausgang.
Das obere Garagentor war bereits mit der Betonplatte verriegelt. Rotlicht. Das untere Tor zur Ausfahrt stand noch auf Warnstellung, halb offen, halb bereit, zum Grab zu werden.
„Dann öffnen Sie die Tore“, rief Shane aus dem Ladebereich. „Ilya braucht einen Krankenwagen!“
„Sie sind nicht in der Position, Forderungen zu stellen, Herr Hollander.“
„Ich liege auch nicht neben einem rollbereiten Fass mit Atommüll.“
„Noch nicht“, sagte Ilya schwach.
Shane drückte seine Schulter fester. „Du hilfst nicht.“
„Ich motiviere doch.“
Ravn rief weiter: „Meine Verstärkung kommt über den Lastenaufzug. Oder eine Vermittlerin. Ihre Wahl. Weg mit der Waffe!“
Claudia hob den Kopf.
„Francine de la Motte?“
Ravn lachte kurz auf. Nicht erfreut. Nur ungläubig.
„Die Weltenergieorganisation?“
„Neutral genug.“
„Sie ist nicht neutral.“
„Niemand hier ist neutral. Aber sie ist wenigstens nicht Ihre Angestellte.“
Anya ergänzte: „Und sie weiß, was ein Reaktor ist. Das ist in dieser Garage bereits ein Qualifikationssprung; nichts gegen euch, Kadetten und Gymnasiast Magnus.“
Ravn sah zu dem Fass.
„Wenn Sie de la Motte wollen, geben Sie zuerst die Ringe zurück!“
„Nein“, sagte Anya.
„Dann bleibt der Lastenaufzug mein Trumpf.“
Das Klicken ihres Dosimeters war deutlich zu hören.
„Dann bleibt der Atommüll unserer.“
Ravn wurde blass vor Wut.
„Den Müll können Sie gratis mit nach Winden nehmen, Dr. Tiedemann: Als Geschenk, Subvention, was immer Ihr trauriges hessisches Kraftwerk braucht, um noch ein Jahr so zu tun, als sei es Zukunft.“
Claudias Gesicht wurde hart.
„Sie haben keine Ahnung, was Winden braucht.“
„Doch. Winden braucht genauso viel Geld wie alle sterbenden Anlagen.“
„Winden braucht Zeit und Hoffnung.“ Ein Luftzug aus dem Aufzugsschacht wehte einen kleinen Zettel vor Claudias und Anyas Füße: eine parfümierte Glückwunschkarte „Bitte 1000€ überweisen für einen Vortrag, den ich nie halten werde. Hochachtungsvoll, Pjetre de Vraas“. Der Aufzug begann, herunterzufahren.
„Dann sind Sie am falschen Ort. Die haben wir gerade verloren.“
Hinter den Autos begannen die Kadetten leise durcheinanderzureden.
„Ist das jetzt eine Verhandlung?“, flüsterte Haberl.
„Ich glaube, das ist nukleare Diplomatie“, sagte Hebberling.
„Mit Müllfässern?“, fragte Holzinger.
„Also müllige Diplomatie“, murmelte Kronawetter.
Caba band den Verband fester. Ilya sog scharf Luft ein.
„Entschuldigung“, sagte sie. „Ich möchte, dass Sie Ihr Bein behalten.“
„Gute Priorität.“
Bauer sah zu Claudia. „Wir brauchen bald einen richtigen Arzt.“
„Wir brauchen bald zehn richtige Erwachsene“, sagte Shane.
Magnus duckte sich neben die beiden Kadetten.
„Ich kann Händchen halten.“
Caba sah ihn an.
„Kannst du schweigen?“ Magnus zuckte mit den Schultern. Während Ilya noch auf ihn sah, zog Caba mit einem Ruck den Splitter aus der Wunde, schnürte sie ab und ließ von Kadettin Bauer den letzten Aquavit darübergießen.
„Das Neptunium hätte ihn verstrahlt und vergiftet, wenn es noch länger in ihm gesteckt wäre. Und der Alkohol desinfiziert zumindest notdürftig, bis der Arzt kommt.
Ilya schrie auf, dann verlor er das Bewusstsein. Shane fing ihn auf.
Claudia rief wieder zur Rampe hinunter: „Rufen Sie de la Motte sofort! Wenn Ilya Rozanow heute hier stirbt, haben Sie ein größeres PR-Problem als ein paar Metallringe und ein illegaler, aber hocheffizienter Reaktor mitten in der Stadt.“
Ravn schwieg.
Dann hob Ravn langsam ihr Funkgerät.
„Lastenaufzug sichern“, sagte sie, laut genug, dass sie es hören konnten. „Und jemand holt Frau de la Motte. Aber die Ringe bleiben hier.“
„Die Ringe bleiben bei uns“, sagte Anya.
„Dann bleiben Sie auch hier.“
Ravn senkte das Funkgerät.
„Und wenn Ihr russischer Freund verblutet, Frau Amasowa, dann sollten Sie sich fragen, ob drei Stück Metall es wert waren.“
Anya antwortete nicht.
Das machte ihre Wut schlimmer.
Shane sah vom bewusstlosen Ilya zu Kadettin Caba, die den Splitter in eine sterilisierte Hülle schob und verschloss. „Wir brauchen einen Ausweg!“
Caba legte eine Hand auf seine Schulter.
Bauer zog die letzte Binde fest.
„Blutung verlangsamt. Nicht gestoppt. Er muss raus.“
Magnus sah zu Ravn, dann zu den Kadetten, dann zur Flaschenwelle, die in Stücken auf dem Boden lag.
„Also“, sagte er, „Österreich gegen Dänemark steht vielleicht nicht gut.“
Schmalzl hob vorsichtig den Kopf hinter einem Wagen.
„Ist Hessen auf unserer Seite?“
Claudia sah zu ihm.
„Hessen ist auf der Seite, auf der niemand Atommüll verschüttet.“
Der Lastenaufzug kam an.


