Prinzessin Indulan wartete nicht gern. Sie tat es allerdings so gut, dass die meisten Menschen es für Großmut hielten.
Die kleine erhöhte Ehrenfläche oberhalb des Festsaals des Arenenhotels war für königliche Empfänge gedacht, bei denen niemand sitzen wollte und alle dennoch so taten, als sei der Raum eine Ehre, weshalb er auch mit einem Thron ausgestattet war. Weißes Holz, rote Deckenfelder, polierte Böden, dänische Fahnen in schmalen Wandhaltern, ein einzelnes Eisbärenfell. Durch die hohe Fensterfront sah man die Arena auf der anderen Seite des Verbindungsgangs: Glas, Stahl, Eis und darunter das schwarze Hafenwasser, das alles spiegelte, ohne etwas zu erklären.
Indulan saß vor der Wand mit den Flaggen, ruhig, aufrecht und so vollkommen am richtigen Platz auf dem Thron, dass alle anderen plötzlich aussahen, als hätten sie sich ihr zugewandt.
Neben ihr wartete de la Motte mit einem dünnen Lächeln und einem noch dünneren Notizbuch. Sie trug das hellblaue, strenge Abendkleid einer Frau, die wusste, dass technische Autorität nicht weniger gefährlich wurde, wenn man sie in Seide kleidete, weil sie für die Vereinten Nationen arbeitete. Die Brosche der Weltenergieorganisation an ihrer Schulter fing das Licht und gab es kalt zurück.
Ravn stand zwei Schritte entfernt und maß den Augenblick mit tadelloser Haltung.
Bei Ravn waren Gefühle keine Regungen, sondern Organisationsrisiken. Doch ihre rechte Hand hatte sich bereits zweimal zu dem kleinen Funkgerät an ihrem Handgelenk bewegt, und jedes Mal hatte Prinzessin Indulan genau dann eine höfliche Frage gestellt.
Jetzt fragte sie wieder eine.
„Frau Ravn, wäre es möglich, dass der Kadett noch einen Sessel bekommt? Er wirkt, als hätte ihm Österreich zwar fünf Sprachen, aber keine Pause gegönnt.“
Dennis Mutoi, Jahrgangssprecher des Jahrgangs Bär, richtete sich sofort noch gerader auf.
„Hoheit, vielen Dank. Ich stehe gern.“
„Das glaube ich Ihnen“, sagte Indulan. „Gerade deshalb frage ich ja, weil ich gerne sitze und nicht zu ihnen aufschauen möchte.“
Dennis zögerte. Man sah ihm an, dass sein ganzes militärgymnasiales Inneres zwischen Gehorsam, Stolz und der Furcht schwankte, sich auf einem Gruppenphoto in sitzender Position historisch lächerlich zu machen.
Stromberg rettete ihn.
„Ein stehender Kadett sieht auf einer Schülerzeitungsseite besser aus“, sagte er. „Jugend, Haltung, Zukunft. Das lieben Redaktionen und Financiers.“
Dennis sah zu ihm.
„Unsere Redaktion wird sich dafür bedanken, Herr Stromberg.“
de la Motte senkte den Blick auf ihr Notizbuch, aber das kleine Zucken in ihrem Mundwinkel verriet sie.
Indulan lächelte offen.
Ravn trat einen halben Schritt näher. „Wir sollten das Photo jetzt machen. Herr Stromberg wird gleich unten im Festsaal erwartet.“
„Als Sponsor dieses Abends ist er natürlich wichtiger als wir“, sagte Indulan. „Wir können dann gerne nachkommen.“
Das war freundlich gesagt, weshalb es gefährlich war.
Der Photograph der Schülerzeitung, ebenfalls Kadett, hob die Kamera. Dennis trat neben Prinzessin Indulan, nicht zu nah, aber sichtbar stolz genug, später in Enns jahrelang damit geneckt zu werden. De la Motte stellte sich auf Indulans andere Seite. Stromberg nahm den Platz neben de la Motte ein, Ravn neben Stromberg, schmal, elegant, wachsam.
Der Photograph hob die Hand.
„Einen Moment“, sagte de la Motte.
Alle blieben stehen.
Ravn atmete nicht hörbar aus.
De la Motte wandte den Kopf leicht zu Stromberg. „Herr Stromberg, für die Bildunterschrift: Soll die Anlage ‚maritime Energieeffizienzinitiative‘ genannt werden oder gibt es eine schnittigere Ausdrucksweise?“
Stromberg lächelte.
Er lächelte wie ein Mann, der an große Räume gewöhnt war und kleine Fragen nicht unterschätzte.
„Ich bevorzuge Formulierungen, die niemandem Angst machen.“
„Deshalb ist ‚maritime Energieeffizienzinitiative‘ vermutlich besser als ‚Karls Kühlfroster’“, sagte Indulan. Nur de la Motte lachte, während die Hofdamen indigniert herumschauten und Ravn den perfekten Sitz ihres Armbandes überprüfte.
„Hoheit haben ein feines Ohr für Verwaltungspoesie.“
„Verwaltungspoesie ist ein Kindergartenspiel bei Prinzessinnen, leider.“
Dennis öffnete sein Notizheft.
Ravn sah es.
„Kadett Mutoi, dies ist nur ein Gruppenphoto.“
„Jawohl“, sagte Dennis. „Aber unsere Schülerzeitung veröffentlicht gern korrekte Bildtexte.“
„Wie modern“, sagte Stromberg.
Dennis schrieb mit großem Ernst.
De la Motte ließ den Blick kurz zur Fensterfront gleiten, hinter der die Verbindung zur Arena lag.
„Energieeffizienz ist allerdings nicht nur eine Bildtextfrage“, sagte sie. „Ihre öffentlich genannten Werte sind bemerkenswert. Niedriger Stromverbrauch, stabile Eistemperatur, kaum sichtbare Lastspitzen. Für eine Anlage dieser Größe am Hafen ist das ungewöhnlich.“
„Ungewöhnlich ist ein angenehmes Wort“, sagte Stromberg. „Ich würde es innovativ nennen.“
„Innovation ist nur so lange angenehm, bis jemand die Bilanz sehen möchte.“
„Die WEO bekommt alle notwendigen Unterlagen. Die finanzielle Bürde trägt meine Stiftung.“
„Danke, dass Sie die königliche Familie daran erinnern, wessen Vermögen in Dänemark größer ist.“
Indulan wandte sich Dennis zu. „Schreiben Sie das ruhig auf. Karl Strombergs Reichtum ist in Dänemark kaum geringer als auf Sardinien.“
Dennis schrieb.
Ravn sagte: „Die technischen Unterlagen werden im Rahmen der Präsentation erläutert. Alles andere wäre im Moment missverständlich.“
„Ich liebe meine Meeresforschungsstation in Atlantis vor der sardinischen Küste. Ein energietechnisches und meeresökologisches Meisterwerk französischer Ingenieurskunst“, sagte Stromberg. „Ich habe den Ozean nie als Problem verstanden, das man durch Erklärungen retten kann.“
„Sondern?“, fragte Dennis, bevor Ravn ihn mit einem Blick verbieten konnte.
Stromberg sah ihn an. Nicht unfreundlich. Eher interessiert daran, ob der Junge wusste, dass Unschuld auch eine Waffe sein konnte.
„Durch Handeln. Belangloses Gerede und moralische Appelle versinken im Wasser“, sagte Stromberg. „Die Meere sind zu groß für menschliche Worte. Man muss größer denken als ein Strand, größer als eine Bucht, größer als ein einzelner Staat.“
„Größer als dänische Hoheitsgewässer?“, fragte Indulan.
„Bedeutend größer, gigantisch größer, königliche Hoheit.“
Ravn wandte sich sofort zum Photographen. „Jetzt bitte.“
„Noch nicht“, sagte die Prinzessin.
Der Photograph senkte die Kamera.
Stromberg sah zum Fenster hinaus, als müsse er sich vergewissern, dass das Wasser noch dort lag, wo es hingehörte.
„Dänemark liegt an einer der empfindlichsten Schnittstellen Europas“, sagte er. „Ostsee, Nordsee, Kattegat, Sund, Belt. Jeder internationale Schiffsweg, der hier hindurchführt, bringt Wärme, Abgase, Ballast, Lärm, Risiko. Die Schiffe fahren durch dänische Hoheitsgewässer, aber ihre Folgen bleiben nicht dänisch.“
„Das ist eine sehr schöne Begründung für internationale Aufsicht“, sagte de la Motte.
„Oder für private Investition der dem Meer Wohlgesonnenen.“
Ravn bewegte wieder die Hand zum Funkgerät.
Indulan sah sie an.
„Frau Ravn, könnten Sie dem Festsaal bitte ausrichten lassen, dass Herr Stromberg noch einen Moment bei der Schülerzeitung festgehalten wird? Ich möchte nicht, dass man seine Abwesenheit falsch deutet.“
Ravn hielt inne.
Sie wusste, dass diese Bitte keine Bitte war. Eine Prinzessin bat im eigenen Land selten aus Versehen.
„Selbstverständlich, Hoheit.“
Sie tippte eine kurze Nachricht. Sehr kurz. Zu kurz, um ihren Ärger zu verraten.
Dennis notierte weiter.
„Unsere Leserinnen interessieren sich bestimmt dafür, wie Energieeffizienz und Schiffsverkehr zusammenhängen“, sagte er vorsichtig.
„Ihre Leser sind Kadetten“, sagte Stromberg.
„Gerade deshalb“, sagte Dennis. „Wir lernen, dass Versorgungslinien manchmal mehr über Macht verraten als Reden.“
De la Motte sah ihn jetzt mit unverhohlener Sympathie an.
„Sie sollten später keine Öffentlichkeitsarbeit machen“, sagte sie. „Sie wären verschwendet.“
„Ich hoffe auf Kartographie“, sagte Dennis.
„Noch gefährlicher“, sagte Indulan.
Stromberg lachte leise.
Es klang schön. Das machte es nicht beruhigend.
„Energieeffizienz“, sagte er, „ist der zivile Name einer militärischen Wahrheit: Wer weniger verbraucht, hält länger durch. Eine Stadt, ein Hafen, eine Flotte, ein Kontinent. Wenn wir den Kühlbedarf senken, entlasten wir nicht nur Rechnungen. Wir entlasten Wasser.“
„Und wenn Ihre Technik skalierbar ist?“, fragte De la Motte.
„Dann entlasten wir Ozeane.“
„Oder kontrollieren sie?“
Stromberg sah sie an.
„Frau de la Motte, Sie sprechen, als seien Kontrolle und Rettung Gegensätze.“
„Die Vereinten Nationen sind die einzige Kontrolle, die rettet, deshalb vertraue ich privaten Initiativen weniger, die nicht den Verpflichtungen der staatlichen Mitglieder unterliegen.“
Indulan legte die Hände locker ineinander.
„Dänemark ist ein großes Königreich mit viel Wasser“, sagte sie. „Wir haben gelernt, dass man das Meer besitzt, wenn es vor den eigenen Fenstern wabert.“
„Ein sehr schöner Satz für die Schülerzeitung“, sagte Dennis. „Österreich würde nie so großmächtig sprechen mit Blick auf seine eingeschränkte militärische Durchsetzbarkeit.“
„Das war ganz schön spitz!“, sagte Indulan.
Dennis schrieb sofort. „Wie mein Bleistift, königliche Hoheit.“
Ravn sah erneut zur Stiege. Zwei Sicherheitsleute warteten auf halber Höhe. Einer von ihnen gab ihr ein kaum sichtbares Zeichen. Nichts Dringliches für normale Gäste. Für Ravn aber schon. Lind, dachte sie.
Sie konnte nicht gehen.
Die Prinzessin saß zwischen ihr und jeder Ausrede wie eine Krone aus höflicher Verzögerung.
„Herr Stromberg“, sagte die Vertreterin der Weltenergieorganisation, „ich freue mich auf die Präsentation. Besonders auf die Erläuterung, wie Ihre Anlage Spitzenlasten ohne erkennbare Netzreaktion ausgleicht.“
„Sie werden begeistert sein“, sagte Stromberg. „Es ist sehr viel weniger geheimnisvoll, als kluge Frauen hoffen, es ist reine in Technik übersetzte Wissenschaft.“
„Dumme Frauen hoffen auf Geheimnisse, Kluge lüften sie.“
Dennis hob die Hand mit seinem Stift.
„Darf ich das zitieren?“
„Nein“, sagte de la Motte.
„Unbedingt“, konterte Ravn, „Das ganze Leopoldinische Militärgymnasium soll die Bescheidenheit der Weltenergieorganisation erkennen.“
Stromberg amüsierte sich. Der Photograph hob die Kamera wieder. Diesmal ließ niemand ihn sinken.
Dennis stellte sich gerade, das Notizbuch an die Seite gedrückt. Prinzessin Indulan sah ruhig in die Linse. De la Motte richtete ungeschickt eine Falte ihres Ärmels. Stromberg lächelte, als läge der Ozean bereits vor ihm auf einem Konferenztisch. Ravn lächelte mit, perfekt, kühl, angespannt bis in die Finger.
Der Blitz ging los.
Für einen Atemzug war alles weiß.
Als das Licht zurückkehrte, klatschte im Festsaal nebenan jemand übertrieben laut über einen gelungenen Eisstockstoß auf dem Arenaeis. Plastikmüllskulpturen glitzerten auf den Bildschirmen zwischen den Bahnen, als habe die Menschheit beschlossen, ihr schlechtes Gewissen wenigstens dekorativ zu sortieren.
Ravn trat sofort einen halben Schritt zurück.
„Wenn Hoheit gestatten—“
„Noch eine Frage“, sagte Indulan.
Ravn blieb stehen.
De la Motte hob ihre Handtasche vom Boden auf.
Indulan wandte sich an Dennis. „Kadett Mutoi, was fragt eine gute Schülerzeitung nach einem Gruppenphoto?“
Dennis überlegte nur kurz.
„Wann Österreich Franz Josefs Land zurückerhalten wird.“
Stille, sehr kleine, sehr saubere Stille.
Stromberg sah den Jungen an und lächelte dann.
„Schreiben Sie: wannimmer es dem Ozean gefällt.“
Dennis notierte es.
Von draußen kam ein zweiter, kurzer Signalton. Nur auf Ravns Gerät. Sie legte die Hand darüber, aber alle hatten ihn gehört.
„Nun“, sagte die Prinzessin sanft, „jetzt haben wir Sie lange genug für die Bildung aufgehalten.“
„Bildung“, sagte Stromberg, „ist nie vergeudete Zeit.“
An der Stiege warteten die Sicherheitsleute. Einer von ihnen war blasser, als er hätte sein dürfen.
Stromberg ging zuerst hinunter, noch immer ruhig, noch immer groß, noch immer im Besitz seiner Stimme. Ravn folgte ihm dicht genug, um sofort flüstern zu können.
Indulan blieb einen Moment mit de la Motte, den Hofdamen und Dennis zurück.
„Kadett Mutoi“, sagte sie, „Sie schicken mir bitte ein Exemplar der Schülerzeitung.“
„Selbstverständlich, Hoheit.“
„Und die Notizen?“
Dennis sah kurz zu de la Motte.
Die Vertreterin der Weltenergieorganisation kommandierte: „Machen Sie zwei Abschriften!“
Dennis verstand nicht, warum er diese unnötige Aufgabe erledigen sollte, zuckte aber mit den Schultern: So sind die Vereinten Nationen manchmal. Aber er verstand genug, um das Notizbuch fester zu halten.
Durch die Fenster sah man gegenüber die Arena, das geglättete Eis, die Plastikmüllskulpturen und dahinter das schwarze Wasser von Kopenhagen.
Indulan betrachtete es lange genug, um nicht mehr nur wie eine sprechende Seerose auszusehen.
„Der Ozean“, sagte sie leise, „verzeiht viel. Aber er versenkt auch Städte und Schiffe.“
De la Motte schob das Notizbuch in ihre aufgehobene Tasche.
„Dann sollten wir herausfinden, was man ihm heute Abend zumuten wollte.“
Im Festsaal unten der Applaus wieder an.


