Die Kälte kommt von selbst

44 0 0

Erst sprang über der Schleuse eine rote Linie an, dann eine zweite. Auf dem Terminal erschien eine kurze dänische Meldung, darunter Englisch, Französisch und Russisch. Claudia las nur den ersten Teil, weil der Rest bereits klar war.
SICHERHEITSZUGANG AUTORISIERT.
„Zu spät“, sagte Anya.
Shane stand noch immer neben Ilya, den Schutzmantel halb verrutscht, das Gesicht vom Frost der temporalen Eruption blass. Ilya hatte die Hand noch an seinem Arm, als müsse er sich selbst daran erinnern, dass Shane nicht im Pleistozän verschwunden war.
Claudia steckte den Puck schnell in die Innentasche ihres Schutzmantels und griff nach dem Schraubenschlüssel, der inzwischen beinahe wie ein wissenschaftliches Argument wirkte.
Die äußere Schleusentür öffnete sich. Durch die Scheibe sah man Ravn.
Sie trug noch immer das eisweiße Kostüm des Galaabends, aber die höfische Oberfläche war dünner geworden. Hinter ihr standen drei Wachen in eisweißen Schutzjacken. Keine gezogenen Waffen. Noch nicht. Ravn hielt eine Karte an das Lesefeld, deren blauer Streifen sofort akzeptiert wurde.
„Universalkarte“, murmelte Claudia.
„Natürlich hat sie eine“, sagte Anya. „Menschen wie sie bekommen immer Türen geschenkt.“
Die innere Schleusentür glitt auf.
Kälte strömte hinaus. Ravn trat ein, und für einen einzigen Augenblick verlor ihr Gesicht die Kontrolle.
Sie sah nicht zuerst die vier Eindringlinge.
Sie sah die Neptuniumringe.
Die sechs dunklen Kreise standen in Notstellung, versetzt, stumpf, von Reif überzogen. Zwischen ihnen waren weder ein weißes Fenster, noch Sturm, noch irgendeine Spur von Pleistozän. Nur eine leere Stelle hing in der Luft. Ravns Entsetzen war kurz, aber es war echt.
„Was haben Sie getan?“, fragte sie.
Claudia hob eine Braue. „Ich nehme an, das ist nicht die offizielle technische Präsentation.“
Ravn ignorierte sie. Ihr Blick ging zu den Ringen, dann zu dem Terminal, dann zu Shane und Ilya auf dem gefrorenen Boden.
„Sie haben das Portal deaktiviert?“
„Es hat versucht, mich zu verschlucken“, sagte Shane.
„Dann standen Sie falsch.“
Ilya machte einen Schritt nach vorn. „Vorsichtig!“
Ravn sah ihn an, als sei er ein sehr sportlicher Fleck auf einem teuren Teppich.
„Herr Rozanow, Sie sind hier nicht in einer Position, in der Ihre Tonlage Bedeutung hat.“
Die drei wachen zogen auf Ravns Wink hin ihre Waffen. Daraufhin hob Anya die Pistole.
„Zurück“, sagte sie.
Die drei Wachen reagierten sofort. Einer griff an die Hüfte. Der zweite verlagerte das Gewicht. Der dritte sah zum Reaktor, als wüsste er nicht, ob er sich vor Anya oder vor der Anlage mehr fürchten sollte.
Anya zielte nicht auf Ravn.
Sie zielte auf den Mikrokugelhaufengenerator.
Claudia fuhr zu ihr herum. „Sind Sie wahnsinnig? Das ist ein Reaktor.“
„Ich weiß.“
„Dann zielen Sie nicht darauf.“
„Darum funktioniert es. Ich kann nur einen der drei Bewaffneten schnell genug erschießen, bevor die anderen reagieren. Aber niemand von denen würde jetzt einen Schuss abgegeben, solange die Gefahr besteht, dass ich zuvor noch den Reaktor treffe.“
Ravn hob langsam eine Hand. Die Wachen erstarrten.
„Frau Amasowa“, sagte Ravn, „Sie werden nicht auf den Reaktor schießen. Er ist mehrfach stabilisiert. Ihr Projektil würde nichts bewirken. Der Reaktor hält Drücken von über 4000 Bar stand im Inneren, was sollten Sie da tun können?“
„Wollen Sie das wirklich ausprobieren?“
„Wir wollen doch alle leben, oder?“, versuchte sich Ravn diplomatischer. Ihre eisweißen Stöckelschuhe wirkten völlig kurios in dieser Umgebung.
„Ich will vieles. Im Moment will ich, dass Sie und Ihre Herren zurück in die Schleuse gehen.“
Ravn sah Anya an. Dann Claudia, dann wieder die stabilisierten Ringe.
„Das Gerät ist nicht Ihr Eigentum.“
„Welches?“, fragte Claudia. „Der illegale Reaktor oder das kalte Zeitportal im Keller mitten in Kopenhagen?“
Ravn lächelte nicht.
„Sie verstehen nicht, was Sie beschädigt haben.“
„Doch“, sagte Claudia. „Nur nicht, warum Sie dachten, Sie dürften es bauen.“
Ein Warnsignal blinkte an einer Seitenkonsole. Der Generator lief stabil, aber der zusammengebrochene Portalmechanismus hatte mehrere Hilfssysteme in Ruhestellung gezwungen. An den transparenten Abschirmungen tauten Reifbahnen und tropften als Schmelzwasser auf den Betonboden. Der Raum arbeitete gegen sich selbst.
Ravn deutete ihren Wachen mit zwei Fingern, zurückzugehen.
Einer wollte widersprechen. Sie sah ihn an. Er ging.
Die drei Wachen traten in die Schleuse zurück.
Anya hielt die Pistole weiter auf den Generator gerichtet.
„Jetzt Sie“, sagte sie.
Ravn bewegte sich in ihren Stöckelschuhen rückwärts; nur einen Schritt. Dann nutzte sie Claudias Blick auf die Pistole.
Ihre Hand schoss zur Wandkonsole neben der Schleuse. Kein großer Schalter. Kein roter Hebel mit Warnschild. Nur ein gelber Bediengriff, halb hinter einem Schutzdeckel. Ravn riss ihn nach unten.
Tief unter dem Boden sprang ein Motor an.
Claudia drehte sich um.
„Was…?“
Am hinteren Ende des Reaktorraums, beim Abklingbecken, das von eigenem Licht unter Wasser erhellt war: Ein Kran bewegte sich darüber, langsam, automatisch, mit der unheimlichen Geduld von Technik, die keine Angst kannte.
Zwei zylindrische Fässer stiegen aus dem Wasser und durchbrachen die dünne Eisschicht von vorher, nicht ohne durch die Ränder der Eisplatten leicht angeritzt zu werden.
Sie waren nicht groß. Das machte sie schlimmer. Als Claudia die gelbe Lackierung sah, wußte sie, was in den Fässern war: verglaster Atommüll. Wasser lief an ihnen herab und bildete dünnen Adern, sobald es die kalte Luft berührte.
Claudias Dosimeter begann lauter zu klicken.
„Was ist das?“, fragte Shane.
„Ein heimtückischer Mordversuch“, sagte Claudia.
Ravn trat jetzt ganz in die Schleuse zurück. Ihre Stimme blieb ruhig.
„Sie wollten Beweise. Da sind welche. Viel Freude beim Transport.“ daruafhin schloss sie die Schleusentür un dfuhr mit ihrer Universalkarte über den Leser. Der kurze rote Lichtstrahl um den Türrahmen machte den vier Verbliebenen klar, dass es hier keinen Ausweg mehr gab. auch der Raum selbst veränderte sich. Aus einer Deckenvertiefung senkte sich eine betonene Schutzkuppel über den Reaktor. vier gelbe Warnleuchten begann rotierend zu blinken.
„Warnung! Erhöhung des Strahlungsniveaus. Dekontamination durchführen.“
Claudia war bereits bei den Fässern. Sie hielt das Dosimeter hin, sah auf die Anzeige und wurde sehr, sehr still.
„Alle zurück.“
Ilya griff nach Shane und zog ihn einen Schritt weg.
Anya sah zu Claudia. „Wie schlimm?“
„Deutlich höher als die Umgebung. Nicht sofort tödlich, solange wir Abstand halten, aber lange herumstehen möchte ich hier nicht.“
Sie ging zum Materialschrank, riss ihn auf und zog Masken heraus.
„Alle setzen jetzt Masken auf und schließen die Handschuhe richtig. Keine Diskussion!“
Anya riss eine Packung Iodtabletten auf und reichte eine Claudia, bevor sie selbst eine schluckte. Sie hielt auch Shane und Ilya je eine der kleinen Pillen hin.
Shane nahm eine Maske. „Ich nehme nichts!“
Claudia sah ihn kurz überrascht an. Anya hielt die Tabletten mit Nachdruck in seine Richtung.
„Das ist nur zur Prophylaxe.“
„Eine russische Spionin gibt mir in einem gelb blinkenden Reaktorraum eine Tablette zu schlucken? Sie glauben doch selbst nicht, dass ich das tun werde?“
Ilya nahm die Tablette und schluckte sie unzerkaut. „Ohne Wodka ekelhaft. Und zier dich nicht, du hast heute schon andere russische Sachen geschluckt.“
Shane lief trotz der Kälte sofort rot an, aber Claudia maß ungerührt mit dem Dosimeter, während Anya die Maske anlegte und die Handschuhe festzurrte. War niemandem Ilyas anzüglicher Scherz aufgefallen? Oder gab es im Moment wichtigeres als persönliche Prestigefragen?
„Wir sollten so weit wie möglich weg von den Fässern. Das Glas hilft uns, aber die Dauer der Exposition schadet uns. Hoffen wir einmal, dass der Alarm hier mit der öffentlichen Feuerwehr verbunden ist.“
Aus der Schleuse drang plötzlich Tumult.
Ein dumpfer Schlag. Ein unterdrückter Schrei. Das kurze, harte Knattern eines Elektroschockers. Dann noch einmal. Etwas prallte gegen Metall. Eine Stimme fluchte auf Dänisch, brach aber mitten im Wort ab.
Alle vier sahen zur Schleuse.
Anya hob die Pistole.
Shane sagte: „Das klingt nicht nach Ravn.“
Die äußere Tür öffnete sich.
Jemand zog eine Karte durch das Lesefeld.
Die innere Schleuse entriegelte, nachdem das rote Licht erloschen war. Nur die gelben rotierenden Lampen gaben weiter ihre beunruhigende Botschaft von sich.
Paloma trat ein. Sie trug die eisweiße Uniform des Hotelpersonals, aber ihre Bluse war deutlich freizügiger geöffnet als bei den anderen Zimmermädchen. In einer Hand hielt sie Ravns Universalkarte, in der anderen einen Elektroschocker. An ihrer Hüfte hing ein zweiter. Ihr Haar war streng zurückgebunden, und ihr Lächeln hatte die leuchtende Freundlichkeit einer Frau, die soeben vier Menschen außer Gefecht gesetzt hatte und den Abend dadurch für verbessert hielt.
„Buenas noches“, sagte sie. „Hat jemand den Zimmerservice gerufen?“
Anya starrte sie an. „Sie?“
Claudia sah auf die Karte. „Sie haben Ravn getötet?“
„Für etwa dreißig Minuten ruhiggestellt mit ihren bärigen Begleitern. Einer von ihnen ist schwerer gefallen als erwartet. Dänemark sollte sein Personal mehr tanzen lassen.“
Shane blinzelte. „Sie sind wer?“
Paloma sah ihn an. „Die Rettung, wenn Sie kooperieren. Ein Problem, wenn Sie es nicht tun.“
Ilya murmelte: „Das ist heute Abend ein beliebter Beruf.“
Paloma ging Richtung der Neptuniumringe. Ihr Blick wurde sofort ernst.
„Ich will die Ringe.“
Anya lachte einmal kalt. „Für wen?“
„Kuba.“
„Natürlich.“
„Wieso natürlich?“
„Weil in diesem Keller offenbar jede Macht der Welt gerade beschlossen hat, sich ein Souvenir aus der Eiszeit mitzunehmen.“
Claudia trat zwischen Paloma und die Ringe. „Niemand nimmt etwas, bevor diese radioaktiv strahlenden Fässer gesichert sind.“
Paloma sah zum Abklingbecken. Dann zu den zwei Fässern.
„Ah. Ravn hatte schlechte Laune.“
„Ravn hat uns eine strahlende Uhr ins Zimmer gestellt“, sagte Shane.
Ilya nickte. „Und wir sind die Zeiger.“
Claudia zeigte auf die Fässer. „Sportkommentare später.“
„Ich fand ihn hilfreich“, sagte Shane.
„Ich nicht.“
Paloma steckte Ravns Karte in ihre Tasche. „Ich habe in der Tiefgarage zwei Fahrzeuge vorbereitet. Bleigepäckräume. Ein Lieferwagen des Hotels und ein Servicefahrzeug der Kühlfirma. Beide in der Tiefgarage fahrbereit.“
Anya sah sie scharf an. „Sie wussten davon.“
„Ich wusste, dass Stromberg etwas versteckt. Ich wusste nicht, dass es neben sechs wagenradgroßen Ringen auch zwei sehr unfreundliche Müllfässer sind. Aber ich bin flexibel.“
„Die Ringe gehen nicht nach Kuba“, sagte Anya.
„Doch!“, sagte Paloma.
Claudia lachte trocken. „Wie großzügig. Dann teilen wir die Apokalypse in Reisegrößen?“
Paloma wandte sich zu ihr. „Sie wollen sie Hessen geben?“
„Ich will verhindern, dass sie in Geheimdienstkoffern enden.“
Anya sagte: „Und ich will verhindern, dass sie in einem hessischen Kraftwerk verschwinden, das Abfall kauft, weil es seine Zukunft nicht bezahlen kann.“
Claudia sah sie giftig an. „Winden braucht keine Zeitportale.“
„Aber Material.“
„Winden braucht Sanierung.“
„Das sagen alle Anlagen kurz vor der Schließung.“
Paloma hob die Hand. „Meine Damen! Der Strahlenwert steigt nicht, weil wir eleganter streiten.“
Shane sah zu Ilya. „Das war erstaunlich vernünftig.“
Ilya nickte. „Ich hasse es, wenn bewaffnete Leute vernünftig sind.“
Claudia prüfte erneut das Dosimeter an den Fässern.
„Wir brauchen Abstand, Abschirmung und Bewegung. Keine langen Diskussionen. Die Fässer dürfen nicht hierbleiben, und die Ringe erst recht nicht. Wenn Ravn aufwacht, verriegelt sie das ganze System und ruft mehr Männer. Und wenn die Fässer hier offen herumstehen, versuchen wir alle, die oben Plastikmüll und Effizienzpräsentationen bestaunen.“
Anya sagte: „Die Daten zuerst.“
„Die Daten nehme ich“, sagte Claudia.
„Die Daten gehen an die Sowjetunion“, sagte Anya.
„Kopien? Daten muss man nicht mit der Hand abschreiben, sie können sich ja später Emails mit den Daten zuschicken. Dann hat jeder eine vollständige Kopie!“, sagte Shane.
Alle sahen ihn an.
Er hob die Hände. „Was? Es gibt doch Kopien. Selbst ich weiß das.“
Ilya sah zu Anya. „Er ist manchmal echt schlau.“
„Das habe ich gehört“, sagte Shane.
Claudia schüttelte widerwillig den Kopf. „Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass der KGB ein Rundmail an alle Interessentinnen von Havanna bis Wiesbaden verschickt mit hochgeheimen Reaktorbauplänen. Francine de la Motte bekommt den Reaktor. Oder zumindest genug, um die WEO hier zu involvieren.“
„Und Kuba bekommt?“, fragte Paloma.
„Nicht den Reaktor“, sagte Claudia.
„Nicht alle Ringe“, sagte Anya.
Paloma lächelte. „Dann drei.“
„Zwei“, sagte Anya.
„Drei“, sagte Paloma. „Ich habe die Fahrzeuge.“
„Drei“, sagte Claudia plötzlich.
Anya drehte sich zu ihr. „Sie verhandeln schlecht.“
„Nein. Ich rechne. Sechs Ringe sind ein System. Drei und drei sind zwei unvollständige halbe Katastrophen. Besser als eine vollständige.“
Paloma nickte. „Ich mag sie.“
„Ich Sie noch nicht“, sagte Claudia.
„Das kommt vielleicht in der Tiefgarage.“
„Unwahrscheinlich.“
Ilya zeigte auf die Fässer. „Und die strahlenden Fischtöpfe?“
Claudia seufzte. „Die kommen mit. Wenn wir sie hier lassen, benutzt Ravn sie als Vorwand, den raum verborgenb zu halten oder Menschen töten zu müssen, um sie vor Strahlung zu schützen.“
Shane sah auf die zwei Fässer. „Wer nimmt die?“
„Wir alle“, sagte Claudia. „Mit Wagen.“
Paloma ging zur hinteren Wand und zog eine Abdeckung weg. Dahinter standen drei flache Schiebewagen mit metallischen Seitenwänden, offenbar für schwere technische Teile. Sie hatte recht: Sie war flexibel.
„Erster Wagen: drei Ringe“, sagte Paloma. „Den nehme ich. Ich bringe ihn voran und bereite die Fahrzeuge vor.“
Anya sagte sofort: „Sie gehen allein mit drei Neptuniumringen?“
„Nein. Ich gehe mit drei Neptuniumringen, einer Universalkarte und einem Vorsprung. Das ist etwas anderes.“
„Ich könnte Sie aufhalten.“
„Dann wacht Ravn auf, und wir alle tragen bald gar nichts mehr außer Handschellen und Strahlenschutz. Oder sie versenkt uns im Abklingbecken und macht den Deckel zu.“
Claudia schob bereits den ersten Wagen zu den Ringen. „Genug. Ringhalterung lösen. Nicht an den Innenflächen anfassen. Keine Erschütterungen. Das Neptunium selbst ist relativ ungefährlich. Aber man sollte sich keine Splitter davon einziehen oder abbeißen. Die Fässer werden wir mit den restlichen Bleimänteln abdecken.“
Ilya half Shane, den ersten Ring aus seiner Halterung zu heben. Das Metall war schwerer, als es aussah, und kalt genug, dass selbst durch die Handschuhe ein Schmerz in die Finger kroch.
„Das fühlt sich an wie ein Pokal, den niemand gewinnen sollte“, sagte Shane.
„Dann lass ihn nicht fallen“, sagte Ilya.
„Das war mein Plan.“
Sie legten den Ring auf Palomas Wagen. Dann den zweiten. Dann den dritten. Paloma sicherte sie mit Metallbändern, prüfte die Räder und sah zur Schleuse.
„Dreißig Minuten waren optimistisch“, sagte sie. „Wir sollten uns auf zwanzig einigen.“
„Sie sind schlimmer als ein Trainer“, sagte Shane.
„Ich bin effektiver.“
Paloma zog den Wagen an. Vor der Schleuse blieb sie stehen.
„Die Tiefgarage ist zwei Ebenen höher. Wir müssen links über den Servicekorridor und dann zum Lastenaufzug.“
Anya fragte: „Und die Karte?“
Paloma klopfte auf ihre Tasche. „Ich öffne vor. Sie brauchen sie nicht, weil ich die Fahrzeuge startklar habe.“
Claudia sah sie an. „Wir brauchen die Karte, um die Schleuse von außen zu verriegeln und Ravn einzusperren.“
Paloma warf sie ihr zu.
„Aber stellen Sie keinen Blödsinn an. Kuba ist nicht naiv.“
Claudia fing sie. Paloma verschwand mit dem ersten Wagen in der Schleuse. Sie schleppte an dem schweren Gefährt, aber bemühte sich, das nicht zuzugeben. Die Türen schlossen sich hinter ihr. Drei Neptuniumringe rollten mit ihr aus dem Reaktorraum in Richtung Tiefgarage.
Zurück blieben drei Ringe, zwei Fässer und vier Menschen, die einander zu wenig vertrauten, um langsam zu arbeiten.
Claudia steckte die Ersatzkarte ein und ging zum Terminal.
„Shane, Sie halten den Wagen. Ilya, Ringe vier bis sechs einladen und festmachen.“
Anya trat neben die Konsole und steckte ihren mitgebrachten Datenstift in die Öffnung. „Sie werden eine Kopie bekommen, die können Sie dann der Prinzessin oder la Motte schenken, aber nur für den Reaktor.“
„Das ist fast sympathisch.“
„Gewöhnen Sie sich nicht daran.“
Die Datenübertragung begann.
Nachdem Ilya schnaufend die Ringe in den Wagen gehievt hatte, dirigierte Claudia ihn zu den beiden Fässern.
Der dritte Wagen wurde mit diesen zwei Fässern beladen. Claudia ließ niemanden näher heran, bevor sie zusätzliche Abschirmplatten an den Seiten befestigt hatte. Das Dosimeter klickte noch immer, aber langsamer.
„Das sieht nicht schön aus“, sagte sie. „Aber für den kurzen Weg bis zur Tiefgarage sollte es helfen.“
„Wir sind im Eishockey gut mit kurzen Einsätzen“, sagte Ilya.
„Das ist kein Wechsel auf der Linie.“
„Alles ist ein Wechsel auf der Linie, wenn man verzweifelt genug ist.“
Shane griff an den Wagen. „Ich wünschte, das wäre weniger plausibel.“
Aus der Schleuse kam ein fernes Geräusch.
Jemand stöhnte. Ravn oder eine Wache. Alle hielten inne.
„Zeit“, sagte Anya.
Sie zogen die Wagen zur Schleuse. Claudia ging zuletzt, sah noch einmal zurück in den Reaktorraum: der Generator unter der Betonhaube, das gelb rotierende Licht, der tickende Dosimeter in ihrer Hand, das leere Portalgestell, Reif auf Metall, das Abklingbecken offen wie ein Auge, das zu lange gesehen hatte.
Dann trat sie in die Schleuse.
Draußen lagen Ravn und die drei Wachen tatsächlich am Boden. Nicht schön, aber atmend. Paloma hatte präzise gearbeitet. Claudia beugte sich kurz über Ravn und zog ihr die Weißgoldhalskette und vor allem das Kommunikationsarmband aus und steckte beides ein.
„Die telephoniert nicht so schnell von hier herunten.“
Anya nickte anerkennend. „Gründlicher ist besser.“ Sie ging zu dem Festnetztelephon an der Wand und riss den Hörer mit einem kräftigen Zug ab, dann zertrat sie ihn in zwei Teile.
Shane sah auf die bewusstlose Ravn. „Wir schließen sie ein?“
„Ja“, sagte Claudia.
„Ist das legal?“
Anya, Claudia und Ilya sahen ihn gleichzeitig an.
Shane hob eine Hand. „Schon gut. Ich wollte nur prüfen, ob heute Abend noch jemand so tut.“
Sie zogen Ravn und die Wachen in die innere Schleuse, weit genug von den Fässern entfernt, aber sicher hinter zwei Türen. Claudia legte ihnen Masken und Iodtabletten sichtbar auf den Boden.
„Ich bin nicht grausam“, sagte sie. „Nur beschäftigt.“
Ilya sah auf Ravn. „Wie lange, bis sie wach werden?“
„Früher als uns lieb ist“, befürchtete Anya.
Claudia trat hinaus, zog die Tür zu und hielt Ravns Universalkarte an das Lesefeld. Die Schleuse verriegelte von außen. Rotlicht. Bolzen. Stille.
„Jetzt“, sagte sie, „schnell, aber möglichst rüttelfrei zur Tiefgarage.“
Shane schob den Wagen mit den Fässern an. Ilya half ihm sofort, ohne gefragt zu werden. Anya nahm den Wagen mit den drei Ringen. Claudia ging zwischen beiden, die Karte in der Tasche, den Puck am Körper, das Dosimeter am Revers und den Zorn einer Frau im Gesicht, die soeben entschieden hatte, dass niemand mehr an diesem Abend eine Maschine anfassen durfte, ohne vorher von ihr verurteilt zu werden.
Der Servicegang lag vor ihnen, niedrig, kalt und hell.
Irgendwo weiter oben wartete Paloma mit zwei Fahrzeugen und kubanischen Ansprüchen.
Irgendwo noch weiter oben applaudierten Gäste wahrscheinlich immer noch dem Meeresschutz.
Und hinter ihnen summte der Mikrokugelhaufengenerator allein im Reaktorraum weiter, als habe er nicht verstanden, dass sein Geheimnis nun auf drei Schiebewagen in die Tiefgarage rollte.

Please Login in order to comment!