Die Arena lag am Hafen wie ein Stück gebaute Zukunft: Glaswände stiegen über dem Kai auf, schräg und makellos, von innen blauweiß beleuchtet, von außen mit dem roten Widerschein der dänischen Farben Rot und Weiß überzogen. Zwischen den Stahlstreben spiegelten sich Masten, Kräne, die Lichter der Stadt und das schwarze Wasser des Hafens, das gegen die Kaimauer schlug.
Ilya Rozanov blieb einen Moment vor dem Haupteingang stehen. Er hatte genug Arenen gesehen, genug neue Hallen, alte Hallen, verfallene us-amerikanische Hallen mit zu großen Getränkebechern, neue sowjetische Hallen mit LED-Spektakeln statten hausbackener Mosaike, französische Hallen, die überall nach Baguette und Rotwein rochen. Diese Halle hier war anders: Sie wollte nicht nur Sport sein, sondern Bedeutung.
Über dem Eingang hing ein Banner:
STROMBERG-GALA ZUM SCHUTZ DER OZEANE
KOPENHAGEN — 13. FEBRUAR 2026
Darunter standen kleinere Zeilen auf Dänisch, Englisch, Französisch, Japanisch, Osmanisch und Russisch. Das Russische war sauber gesetzt, ohne die üblichen Fehler. Jemand hatte Geld ausgegeben, damit diese Nacht vielsprachig glänzen konnte.
Ilya zog den Kragen seines dunklen Mantels höher und trat durch die Drehtür.
Wärme, Parfum und nasses Leder schlugen ihm entgegen. Im Foyer der Arena standen Empfangstische aus weißem Stein, hinter denen junge Frauen in eisweißen Abendkleidern mit dunkelroten Seidenschals Namen prüften. Kellner trugen Tabletts mit kleinen Gläsern, deren Stiele stilisierte Eisbären waren und in denen klarer Aquavit wie geschmolzenes Eis glänzte. An einer Wand hing eine Reihe von Fahnen: Dänemark, die Vereinten Nationen, die Weltenergieorganisation, über allem Die Firmenfahne der Strombergschiffahrtslinie.
Ilya gab seinen Namen an.
Die Frau am Empfang lächelte professionell.
„Herr Rozanow. Willkommen in Kopenhagen. Ihr Zugang gilt für Arena, Gästelounge und Hoteltransfer. Dafür bekommen Sie eine Zutrittskarte, die das jeweilige Sicherheitsschloss öffnet. Ihr Gepäck wurde bereits in ihrer Suite im Arenenhotel gebracht. Dort findet nach der Gala auch das Buffet statt. Herr Stromberg freut sich darüber, dass Sie als Vertreter ihrer Mannschaft daran teilnehmen werden.“
„Natürlich“, sagte Ilya.
Er sagte es so, dass es wie Zustimmung klang und wie eine Lüge schmeckte.
Sie reichte ihm eine Karte an einem roten Band. Auf der Karte war ein stilisierter Bär eingeprägt, nicht bedrohlich, eher heraldisch gezähmt: goldene Krallen, weißer Körper, blaue Kontur. Ilya drehte die Karte kurz zwischen den Fingern.
„Bär?“
„Das Motto des Abends“, sagte die Frau. „Herr Stromberg hat extra aus Österreich einen Jahrgang des Leopoldinischen Militärgymnasiums kommen lassen, die einen literarischen Beitrag zum Besten geben werden.“
Ilya sah sie an.
„Mitten im Schuljahr? Herr Stromberg muss ja gute Kontakte haben. Kadetten sind jetzt Literatur?“
Ihr Lächeln verzopfte sich.
„Er hat dem Jahrgang eine Exkursionswoche in Dänemark spendiert, um sie für den Schutz der Meere zu mobilisieren. Ihr heutiger Auftritt ist die Gegenleistung.“
Ilya nahm die Karte und ging weiter.
Der Boden unter seinen Schuhen war schwarz poliert, mit weißen Linien durchzogen, als hätte jemand die Markierungen einer Eisfläche in Marmor übersetzt. Darüber hingen rote Lichtbänder. In den Glaswänden bewegte sich die Stadt als Spiegelbild mit: Kopenhagen draußen, Kopenhagen drinnen, beides getrennt durch eine durchsichtige Oberfläche.
Ilya mochte solche Abende nicht.
Nicht, weil er sich in Smokings unwohl fühlte. Er sah in allem gut aus, was teuer genug war, um falsch zu wirken. Nicht einmal wegen der Sponsoren, Minister, Ex-Sportfunktionäre und diplomatischen Gäste, die in kleinen Gruppen standen und so viel lachten, wie ihr Status erlaubte. Er mochte solche Abende nicht, weil Eis hier nicht Eis sein durfte. Eis war Bühne, Beweis, Metapher, Geldanlage, Wohltätigkeitsargument. Niemand ließ es einfach kalt sein.
Er blieb an der Balustrade stehen, von der man in die Halle sehen konnte.
Die Eisfläche lag tief unter ihm, glatt und hell, von roten Lichtspuren geschnitten. Die Tribünen stiegen dunkel auf, noch halb leer, aber bereits wartend. Über dem Mittelpunkt der Halle hing ein runder Lichtkreis, auf dem in langsamer Wiederholung Bilder von Ozeanen, Walen, schmelzenden Gletschern und jubelnden Kindern liefen. Ein Werbefilm mit schlechtem Gewissen und gutem Schnitt.
Ilya schloss die Augen und erinnerte sich an eine andere Eishalle. Chestnut Mountains. Der alte Geruch war wieder da, ohne dass er wirklich da sein konnte: kalter Staub unter Tribünen, nasse Wolle, muffiges Metall voller Rost und Asbest, abgestandener Kaffee, das säuerliche Reinigungsmittel einer Halle, die seit 1947 nicht mehr richtig sauber war. Blitzlicht auf Eis. Stimmen hinter ihm. Shane Hollander, zu kontrolliert, zu gerade, zu sehr darum bemüht, nicht zu zeigen, dass ihn etwas berührte.
Er presste Daumen und Zeigefinger gegen den Rand seiner Zugangskarte. Der kleine goldene Bär drückte sich in seine Haut.
„Schlechte Reise?“
Ilya drehte sich um.
Eine Frau in einem eisweißen Kostüm stand wenige Schritte hinter ihm. Sie war blond, schlank, sehr aufrecht, mit einem Lächeln, das keine Wärme verschwendete. Ihr Schmuck war zurückhaltend, aber nicht bescheiden: schmale Diamantohrringe, ein Armreif aus Weißgold, eine Brosche in Form einer stilisierten Welle.
Signe Ravn.
Er kannte ihren Namen aus der Einladung. Veranstaltungsleitung, Stromberg-Stiftung, Kopenhagener Koordination, offiziell zuständig für Protokoll und Gäste. Inoffiziell betreute eine Frau wie Signe sicher alles, was zu teuer war, um in Unterlagen zu stehen.
„Meine Reise war hervorragend“, sagte Ilya. „Ich habe nur vergessen, wie sehr ich Wohltätigkeit liebe. Danke für die Einladung nach dem Spiel.“
Signe lächelte etwas mehr.
„Wir freuen uns, den Wert der Ozeane allen unabhängig von Tagespolitik vermitteln zu können: Sozialistischer Beistandspakt, Kontinentalverteidigungsgemeinschaft, Commonwealthverteidigungspakt, Panasiatenpakt und SchwertdesIslampakt halten heute auf dem Eis zusammen, statt gegeneinander zu intrigieren. So sind Sie heute Abend unter Freunden.“
„Das sagen meistens Leute, die keine sind.“
„Und doch sind Sie gekommen.“
„Ich spiele gern Wohltätigkeitsspiele. Das gefällt der Partei und meinem Vater.“
Ihr Blick blieb auf seinem Gesicht. Sie taxierte ihn nicht auffällig. Das machten Amateure. Sie nahm ihn zur Kenntnis, ordnete ihn ein, legte ihn ab. Sportstar. Russe. Zuletzt in den USA mit Shane Hollander Held einer Mordaufklärung. Emotional unzuverlässig, Frauenheld ohne Fixbindung, aber öffentlich nützlich. Vielleicht gefährlich, falls gekränkt. Sicher dekorativ.
Ilya kannte diesen Blick. Er hatte ihn von Trainern, Funktionären, Liebhabern und Feinden bekommen. Man musste nur herausfinden, welche Kategorie gerade log.
„Herr Stromberg freut sich über Ihre Anwesenheit“, sagte Signe.
„Das ist schön für Herrn Stromberg.“
„Und für den Meeresschutz.“
„Das Meer ist bestimmt aufgewühlt.“
Signe neigte den Kopf, als habe er ihr eine kleine Kurzweil geschenkt, nicht eine Beleidigung.
„Sie werden feststellen, dass dieser Abend mehr ist als ein Benefizspiel.“
„Das befürchte ich.“
Hinter Signe gingen zwei Männer in eisweißen Anzügen vorbei. Sie trugen keine sichtbaren Waffen, bewegten sich aber, als hätten sie in ihrem Leben selten Tabletts getragen. Einer sprach leise in ein Mikrophon am Ärmel. Der andere sah nicht direkt zu Ilya, beobachtete ihn aber trotzdem.
Signe streichelte seine Schulter und grinste.
„Sicherheitsstandard“, sagte sie.
„Für Wale?“
„Für Gäste.“
„Ich bin Gast.“
„Ebendeshalb auch gesichert.“
Sie ließ das Wort in der Luft stehen und ging weiter.
Ilya sah ihr nach.
Auf der Eisfläche begann ein Techniker, die Lichtmarkierungen für den späteren Auftritt zu prüfen. Rote Kreise glitten über das Eis, verschwanden, kamen wieder. Für einen Moment schien die Fläche nicht beleuchtet, sondern vermessen zu werden.
Das störte ihn. Als Sportler störte ihn alles, was eine Eisfläche in eine Tanzbühne verwandelte. Aber dies war anders. Die Kälte in der Halle war nicht gleichmäßig. Oben am Geländer war es zu warm, unten über dem Eis zu scharf. Das war ein ungewöhnlicher Luftzug, fast wie eine Grenze.
Ilya beugte sich leicht vor.
Ein leichter Nebel lag direkt über der Eisfläche. Er dachte an Chestnut Mountains. An die abrissgefährdete alte Halle, in der Dinge unter der Oberfläche lagen.
An Blut, das auf Eis anders aussah als auf Boden.
An Shane, der immer versuchte, die Kontrolle zu behalten, selbst wenn alle anderen längst sahen, dass Kontrolle nur mehr eine Fassade war. Er dachte für einen Augenblick an die vier Tage im eingeschneiten Hart-Chalet, wischte den Gedanken aber sofort weg, weil er heute für den Sozialistischen Beistandspakt siegen musste auf dem Schlachtfeld des Eises.
Auf dem Videoring erschien nun Shane selbst. Eine vorbereitete Aufnahme: Shane in Trainingskleidung, das Gesicht ruhig, die Stimme höflich, die Worte perfekt für Sponsoren geschnitten.
„Die Ozeane zu schützen“, sagte Shane auf der Leinwand, „heißt, Verantwortung für kommende Generationen zu übernehmen.“
Ilya lachte leise, obwohl es falsch war. Weil Shane genauso professionell und geschmeidig gesagt haben könnte, dass man Atommüll ruhig ins Meer kippen könnte, weil es dafür tief genug sei.
Neben Ilya blieb ein älterer dänischer Herr mit Ordensband stehen und sah ebenfalls zur Leinwand.
„Ein beeindruckender junger Mann“, sagte er auf Englisch.
„Ja“, sagte Ilya. „Er übt viel.“
„Sie kennen ihn?“
Ilya sah auf das Eis hinunter.
„Manchmal.“
Der Mann verstand nichts, nickte aber, als sei genau das sehr sozialistisch.
Auf der anderen Seite des Foyers öffneten sich Türen. Eine kleine Gruppe österreichischer Kadetten wurde hereingeführt, sehr gerade, in Uniformen, die wie aus einer Welt kamen, in der Bildung noch Disziplin roch in Gold und in Flieder. Einer von ihnen trug eine Mappe. Auf dem Deckel stand in goldenen Buchstaben:
JAHRGANG BÄR
Ilya sah wieder auf seine Zugangskarte.
Der Bär lächelte nicht. Ein Bär lächelte nie. Menschen redeten sich nur gern ein, Zähne seien freundlich, solange sie aus Gold waren.
Über Lautsprecher erklang ein sanfter Gong.
Eine Stimme kündigte den Beginn des Empfangsprogramms an, zuerst auf Dänisch, dann auf Englisch, Französisch und Russisch. Das Russische blieb korrekt. Wieder kein Fehler. Wieder genug Geld für gute Sprecherinnen.
Ilya nahm ein Glas Aquavit von einem Tablett und trank noch nicht daraus.
Er sah in die Halle. Auf dem Eis wanderte rotes Licht über weiße Fläche. Wasser draußen. Eis drinnen. Fahnen darüber. Menschen dazwischen, die glaubten, sie könnten entscheiden, was schmelzen durfte.
Am anderen Ende des Glasgangs sah er für einen Augenblick Shane, diesmal nicht auf dem Bildschirm sondern echt.
Shane stand bei zwei Funktionären, die ihm die Hand schüttelten, als gehöre seine geheilte Schulter bereits einem Verband, einer Liga, einer Stiftung. Er trug einen dunklen Anzug und wirkte darin zu schön für diese Sorte Abend. Dann hob er den Blick, als hätte er Ilya gespürt.
Ihre Augen trafen sich über die Entfernung hinweg.
Chestnut Mountains war plötzlich wieder da, nicht als Ort, sondern als offene Rechnung.
Shane sah weg, bevor es jemand bemerkte.
Ilya lächelte, bevor er den Aquavit in einem Zug leerte. Er brannte kaum. Das war verdächtig.
Als er das Glas abstellte, flackerte das Licht über der Eisfläche. Nur einmal. So kurz, dass die meisten Gäste weiterredeten.
Aber unten auf dem Eis blieb für einen Atemzug ein dunkler Kreis zurück, wo keiner hätte sein dürfen.
Ilya sah ihn wie die verzerrte Fratze eines nordischen Eisdämons, den man unter die Platte gepresst hatte.
Dann war er verschwunden.
Die Halle applaudierte bereits den ersten Ankündigungen, den Fahnen, den Ozeanen, sich selbst.
Ilya blieb am Geländer stehen und dachte, dass diese Nacht nicht kalt genug angefangen hatte.
Das war fast immer ein schlechtes Zeichen.
Dass der Videoring nun seinen Textbeitrag einblendete, in dem er brav vorlas, dass der Schutz der Meere schon von Karl Marx vorgesehen worden war und ein zentrales sozialistisches Anliegen wäre, bemerkte Ilya nicht mehr.


