Die dritte Eroberung von Kopenhagen

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Es war Dr. Claudia Tiedemanns Absicht, zu spät genug zu kommen, um nicht photographiert zu werden.
Vor dem Haupteingang der Nordhavn Arena standen noch immer Kameras, rote Lichtstreifen, dänische Fahnen, elegante Gäste und jede Sorte von Lächeln. Claudia hatte für solche Eingänge wenig übrig, im Gegenteil, sie hatte sogar eher Angst davor. Sie mochte keine Teppiche, die Menschen dazu brachten, langsamer zu gehen, nur damit andere Menschen sie ansehen konnten.
Ihr Wagen hielt daher nicht direkt vor der Glasfront, sondern eine halbe Länge weiter hinten, am Rand des abgesperrten Vorfahrtsbereichs. Der Fahrer wollte aussteigen, aber Claudia hatte die Tür bereits geöffnet.
Der Wind vom Hafen griff nach ihrem Mantel.
Sie trug darunter eine Gala-Garderobe, die für sie eher ein Kostüm als etwas war, indem sie sich wohlfühlte: ein dunkelblauer Rockanzug mit überdeutlichen Schulterpolstern, weißer Seidenbluse, roten Paspeln an Kragen und Manschetten und einer goldenen Brosche in Form eines stilisierten hessischen Löwen. Die Brosche war schwerer, als sie aussah, aber das Erbe von ihrer Großmutter war ihr teuerstes Stück.
Ihre Haare waren zu einer sorgfältig gebändigte Dauerwelle toupiert. Claudia wusste, wie sie aussah. Sie wusste auch, dass Menschen, die sie wegen Kleidung unterschätzten, gewöhnlich nur einmal dazu kamen.
Ein Photograph bemerkte sie zu spät, er stupste seinen Kollegen an und deutete offensichtlich auf sie.
„Die kommt sicher aus Bayern oder Baden-Württemberg, so wie sie ausschaut.“ Sein Kollege kicherte.
Claudia sah ihn nicht an. Sie ging weiter. Sie trat durch die Drehtür.
Drinnen war die Arena eine Überwältigung für sie, als habe jemand skandinavische Zurückhaltung mit sehr viel Platinmünzen überredet, majestätisch zu wirken. Das Eis war von hier aus noch nicht zu sehen, aber man spürte es. Eine Assistentin kam auf Claudia zu.
„Willkommen in der Nordhavn Arena. Darf ich Ihren Namen…“
„Dr. Claudia Tiedemann. Wiesbaden. Hessisches Institut für Kernphysik.“
Die junge Frau in dem eisweißen Abendkleid blinzelte.
„Natürlich. Einen Moment.“
Sie sah auf ihre Liste. Dann auf Claudia. Dann wieder auf die Liste, als könne das Papier ihr erklären, warum eine Frau mit hessischer Löwenbrosche, Dauerwelle und Schulterpolstern wie eine Zeitreisende wirkte.
„Sie sind für die technische Präsentation nach dem ersten Programmblock angemeldet.“
„Ich bin für die technische Präsentation vor allem deshalb angemeldet, weil mir niemand die Unterlagen vorher geben wollte.“
„Die Unterlagen liegen in der Gästelounge bereit.“
„Dann werde ich gleich dorthin gehen.“
Die Assistentin lächelte hilflos.
Claudia nahm die Akkreditierung entgegen. Auf dem Band stand in goldener Schrift:
ENERGIEEFFIZIENZ / TECHNISCHE GÄSTE
Darunter das kleine Emblem eines Bären. Claudia sah den Bären an, bevor sie weiterging.
Im Foyer trugen Kellner Grog, Aquavit und kleine Teller mit Fisch, Brot und kunstvoll drapierten Kräutern. Über die Bildschirme liefen Bilder von Ozeanen, Strombergs Stiftung, glücklichen Kindern und einer Eisfläche, die viel zu perfekt aussah. An einer Wand sammelten sich Damen in langen Kleidern, deren Schmuck bis zu Claudia herüberstrahlte, weshalb sie kurz an ihre Brosche griff wie zu ihrem persönlichen Schutzschild.
Eine von ihnen entdeckte Claudia.
„Ach, wie reizend! Sind Sie auch von der Stromberg-Stiftung?“
Claudia blieb nur stehen, weil die Frau ihr den Weg versperrte.
„Nein.“
„Von der Presse?“
„Nein.“
„Dann sicher von einer der königlichen Begleitungen? Dieses Kostüm hat etwas sehr Offizielles.“
Claudia sah an sich hinunter.
„Meine Mutter hat dieses Gewand für das Fest nach meiner Promotion gekauft. Normalerweise trage ich Laborkittel.“
Die Frau lachte, als sei das eine charmante Antwort gewesen.
„Ich meinte nur, es ist so herrlich mutig. Diese Schultern! Das sieht man kaum noch.“
Eine zweite Sponsorin trat dazu. Sie trug Diamanten am Hals und die energische Ahnungslosigkeit einer Frau, die gewohnt war, dass andere Menschen ihre Sätze vervollständigten.
„Sind Sie für das Spiel hier?“
„Nein.“
„Aber Sie kennen die Mannschaften?“
„Nein.“
„Gar nicht?“
„Normalerweise lese ich Tabellen und leite ein Atomkraftwerk in Hessen.“
„Wie schön! Aber das hier ist doch ein hübsches Fest für Ozeane, da sind doch keine Atome involviert.“ Sie lachte schallend los und legte ihre Hand auf den Unterarm der ersten Dame.
Claudia sah zur Glaswand, hinter der sich der innere Umlauf zur Arena öffnete.
„Das bezweifle ich. Die Ozeane bestehen zum größten Teil aus Wasser, der Kombination von einem Sauerstoffatom, und zwei Wasserstoffatomen.“
„Wissen Sie, ich finde es so wichtig, dass Wissenschaftlerinnen heute auch gesellschaftlich sichtbar werden. Früher war das ja alles so trocken. Aber heute, mit Ozeanen, Emotionen, jungen Sportlern, Musik—“, versuchte die erste Dame das Gespräch zu erden.
„Reaktoren werden nicht sicherer, wenn man sie emotionalisiert.“
Die erste Sponsorin hob die Augenbrauen. Die zweite Sponsorin lächelte tapfer weiter:
„Und was macht man als Nuklearphysikerin auf einer Wohltätigkeitsgala für Ozeane?“
„Ich suche die Wissenschaftler, die nachher über die Energieeffizienz dieser Halle sprechen. Die vorab veröffentlichten Daten sind zu phantastisch: Das Gezeitenkraftwerk unter der Halle, das auch noch Plastikmüll aus dem Ozean fischt, soll soviel Energie bereitstellen, dass nicht nur die Halle davon gekühlt und erleuchtet wird, sondern auch das benachbarte Hotel und Schloss Christiansborg, weshalb sogar irgendeine Adelige aus der Königsfamilie hier auftanzen und dankbar sein muss.“
„Irgendeine Adelige? Prinzessin Indulan ist eine Tochter der regierenden Königin Margarethe!“, sagte die erste empört.
„Sie sind dort drüben“, sagte die zweite und deutete erleichtert auf eine kleinere Gruppe bei den Panoramafenstern. Sie zog ihre Freundin mit sich zu einer Gruppe von fünf Hofdamen in zeremoniellen roten Abendkleidern mit samtenen Fächern, die hinter der potentiellen Prinzessin standen, ugeben von vier offiziellen Palastwachen und einer größeren Anzahl von Sicherheitsleuten in hellen Anzügen im Raum verteilt.
Claudia nickte, doch ihr „Danke für diese Information.“ wurde von den beiden Damen schon nicht mehr gehört.
Bei den Fenstern standen fünf Menschen mit Groggläsern, die nur mehr halbvoll waren. Das erkannte Claudia sofort als gutes Zeichen. Drei Männer, zwei Frauen.
Claudia blieb am Rand der Gruppe stehen.
Die Japanerin sprach gerade Französisch.
„La réduction de consommation d’énergie indiquée est théoriquement possible, mais pas avec cette charge thermique. Pas sans compensation externe.“
„Oder ohne Verschiebung“, sagte Claudia zum Einstieg.
Alle fünf drehten sich zu ihr.
Die Japanerin musterte sie, zuerst die Schulterpolster, dann die Brosche, dann das Gesicht. Ihre Skepsis verschwand nicht. Sie wurde nur interessierter.
„Dr. Claudia Tiedemann“, sagte Claudia. „Hessen.“
Das Gesicht des dänischen Thermodynamikers hellte sich auf.
„Vestergaard. Universität Kopenhagen. Wir haben Ihre Arbeit zu sekundären Reaktorschatten gelesen.“
„Ich habe mich sehr bemüht.“
Er lachte überrascht.
Die österreichische Chemikerin hob ihr Glas.
„Endlich jemand, der das bemerkt hat.“
Claudia nahm kein Glas. Sie sah auf die Unterlagen in Vestergaards Hand.
„Darf ich?“
Er gab sie ihr sofort.
Das war ein weiterer Beweis, dass sie hier bei den richtigen Menschen war. Dumme Menschen hielten Unterlagen fest, weil sie Besitz mit Verständnis verwechselten. Wissenschaftlerinnen gaben Unterlagen weiter, um schneller diskutieren zu können. Claudia überflog die erste Seite.
„Das ist eine technische Beschreibung in Hochglanz. Das ist quasi ein Gedicht mit Zahlen.“
Die Französin lächelte.
„Ein perfektes, computergeneriertes Gedicht aus einem dänischen Werbebüro.“
„Denken Sie, dass Energieeffizienz wirklich so stark erhöht werden kann.“
Der britische Ingenieur beugte sich vor.
„Sie meinen, es könnte eine zusätzliche externe Energiequelle geben? Aber es gibt keine Schornsteine, also nichts, was verbrannt wird.“
„Das Gezeitenkraftwerk und die Solarpaneele können nicht so viel Energie erzeugen, dass die Halle, das Hotel und der überdimensionierte Palast versorgt werden können. Vor allem bedenkend, dass die Solarpaneele bei Nacht nichts produzieren und gerade noch beheizt werden müssen, um im dänischen Winter nicht zu vereisen.“
Jetzt lächelten alle.
Claudia entspannte sich fast. Nicht sichtbar für Sponsorinnen, aber für Wissenschaftlerinnen. Ihre Stimme wurde schneller. Der Sport, die Kameras, die Grogtabletts und das höfliche Summen der Gala fielen für einen Moment hinter eine Wand aus Zahlen.
„Bei Salzwassernähe, voll beheizter Veranstaltungsbereiche und rein elektrischer Küche und permanenter Beleuchtung kann diese Anlage nicht zugleich so leise, so stabil und so sparsam arbeiten. Nicht mit den angegebenen Wärmerückgewinnungswerten.“
„Vielleicht externe Meereskühlung“, sagte Vestergaard.
„Eine Wärmepumpe würde Unmengen von Strom verbrauchen, nicht produzieren.“, konterte die japanische Nuklearphysikerin, deren Kimono in Dunkelrot mit den weißen Rändern und dem Gürtel konkurrierte.
„Tiefengeothermie?“, fragte die Österreicherin, „Wir haben in den Alpen damit große Erfolge erzielt in den letzten zehn Jahren.“
„Das ist in dieser Geometrie schwer möglich. Außerdem würde ganz Kopenhagen merken, dass jemand unter dem Hafen bohrt und die Stabilität der umstehenden Gebäude gefährdet.“
Die Japanerin nickte langsam.
„Also Hochspannungsfernleitungen?“
„Könnte ein Atomreaktor auf einem Schiff den Strom liefern, über ein Unterseekabel verbunden mit dieser Halle?“, sagte Claudia.
Der Satz blieb stehen.
Draußen schlug Wind gegen die Glasfront. Weiter hinten im Foyer lachte jemand zu laut. Auf einem Monitor wechselte das Bild von Eisschollen zu einer Animation der Arena. Ein roter Pfeil zeigte angeblich den optimierten Energiefluss, bevor ein Dekan der dänischen Staatskirche einen salbungsvollen Satz über Schöpfungsbewahrung sagte und auf eine weitere Graphik verwies, die danach eingeblendet wurde
Claudia trat näher an den Monitor.
„Das ist verwirrend.“
„Was genau?“, fragte der Brite.
„Die Thermaltorsion.“
„Nein, die Quantifikation?“
„Es muss eine Intrapolation sein, zur besseren Veranschaulichung.“
Die Französin kam neben sie.
„Sie sehen auch den Sprung?“
Claudia sah sie jetzt zum ersten Mal wirklich an.
„Welchen Sprung?“
Die Französin deutete auf den Bildschirm. Das war klug. Sie sah nur auf den unteren Rand des Bildschirms, wo ein eingeblendeter Zeitcode lief. 19:42:11. 19:42:12. 19:42:14.
Dann wieder 19:42:13.
Claudias Gesicht veränderte sich nicht. Aber ihre Augen wurden schärfer.
„Wie oft ist das passiert?“
„Seit ich hier stehe? Dreimal“, antwortete die französische Physikerin. „Das kann kein zufälliger technischer Fehler sein. Möglicherweise ist ein Muster, eine absichtliche Fälschung der Ergebnisse, um die Graphik zu strecken und die Effizienz höher erscheinen zu lassen?“
„Das könnte man billiger machen?“, warf die Japanerin ein.
„Wer sind Sie?“, fragte Claudia erstaunt.
Die Französin reichte ihr die Hand.
„Francine de la Motte. Weltenergieorganisation.“
Claudia nahm die Hand. „Ihre Organisation hat den Ehrenschutz für die heutige Gala übernommen.“
„Energieeffizienz gehört zu unserer Agenda. Allerdings nur, wenn sie nicht einfach vorgetäuscht wird. Das dänische Königshaus hat diskret darum gebeten, dass wir uns den Ehrenschutz teilen: Nationale Loyalität zum großzügigen Stromberg, der der Königsfamilie Millionen an Heiz- und Stromkosten für Christiansborg erspart, und internationale Kontrolle, der auch ein internationaler Schifffahrtsmagnat unterliegt.“
De la Motte lachte leise.
„Und Sie, Dr. Tiedemann?“
„Ich bin wegen Effizienz hier. Das Kraftwerk in Winden ist nicht mehr auf dem neuesten Stand, aber hessen braucht jeden Tag mehr Strom. Die Frage der Regierung ist nun, ob wir das Kraftwerk erneuern sollen, neue bauen oder ob über Effiztienzeinsparungen billigere Lösungen gefunden werden können.“ Sie warf einen Seitenblick auf den Briten. „Herzogin Margaret hätte nichts gegen Einsparungen, um dafür das monatliche Salär ihrer Kinder und Enkel zu erhöhen. Oder ihre Arztkosten.“
Claudia sah wieder auf den Monitor. Der Zeitcode lief jetzt sauber. Gerade deshalb gefiel er ihr noch weniger.
„Tatsächlich bin ich gerade falsch angezogen für einen physikalischen Verdacht.“
Die österreichische Chemikerin betrachtete etwas spöttisch ihre Schulterpolster. „Lise Meitner hätte darin auch nicht besser ausgesehen. Es ist wichtig, was wir im Kopf haben, nicht auf den Schultern.“
In diesem Moment ertönte aus der Halle ein erster Applaus. Auf dem Eis begannen Kinder in Meerespflanzenkostümen, sich zur Musik zu formieren. Die Gäste bewegten sich in Richtung Arena, angezogen vom Licht, vom Programm, von der Pflicht, sichtbar gerührt zu sein.
Claudia blieb vorerst stehen, sie sah hinunter auf das Eis. Die Fläche war makellos. Doch dann erschien ein Flackern, unter der Oberfläche, wie ein gefrorener Schrei eines Mannes, der mitten in das Eis eingefroren war. Claudia nahm entsetzt ihre Brille ab, schüttelte den Kopf und setzte die Brille wieder auf. Das Gesicht war weg.
Auf der gegenüberliegenden Seite des Umlaufs erkannte sie eine Frau in dunkelgrünem Kleid, Smaragde am Hals, Haltung wie eine Waffe unter Seide. Weiter oben, an einer Balustrade, stand ein junger Mann in schwarzem Anzug mit rotem Hemd und Halstuch, ein sowjetischer Spieler, und sah nicht zum Spiel, sondern auf die Kälte.
Claudia wusste nicht, warum sie beide bemerkte. Aber in einer Nacht voller Prominenter waren Menschen, die nicht an der richtigen Stelle hinsahen, oft die ersten brauchbaren Datenpunkte.
De la Motte trat neben sie.
„Die technische Präsentation beginnt nach dem ersten Programmblock. Man sagte uns, wir sollten warten.“
Claudia sah auf die Monitorzeile: Der Zeitcode blieb korrekt.
„Warten ist eine politische Tätigkeit“, sagte sie. „Keine wissenschaftliche.“
„Was schlagen Sie vor?“
Claudia richtete die goldene Löwenbrosche an ihrem Revers. Die Bewegung war klein, aber sie wirkte wie das Hochziehen eines Schildes.
„Zuerst höre ich mir an, wie jemand diese Energieeffizienz erklärt. Dann schaue ich, was sie als Vertreterin der Weltenergieorganisation dazu sagen. Erst dann weiß ich, ob Sie noch Wissenschaftlerin sind oder schon Politikerin.“
Sie sah auf das Eis hinunter. Unten setzte Applaus ein, wärmer und lauter. Die Gala hatte begonnen. Claudia Tiedemann fühlte sich zum ersten Mal an diesem Abend nicht ganz falsch am Platz. Nur der Sport blieb eine langweilige Verzögerung, die sie ertragen würde.

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