Ilyas Wunsch

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Der Arzt trat zuerst ein, die schwarze Tasche in der Hand, den Blick auf Ilya gerichtet. Caba und Bauer folgten ihm, beide erstaunlich ruhig für zwei Kadettinnen, die vor weniger als einer Stunde noch Betonstockschießen zwischen Plastikquallen gespielt hatten. Shane kam zuletzt. Er stützte Ilya, obwohl der Arzt bereits zweimal gesagt hatte, dass Ilya nicht laufen solle.
Ilya lief trotzdem mit der beleidigten Würde eines Mannes, der offenbar glaubte, Bewusstlosigkeit sei ein Gerücht, das andere Leute über ihn verbreitet hatten.
Prinzessin Indulan erhob sich nicht, deutete aber eine huldvolle Geste an.
Die Ehrenloge wurde sofort stiller. Selbst Stromberg, der am Fenster stand und in die leere Arena hinunterblickte, drehte sich um. Anya verschränkte die Arme. Claudia sah zuerst auf Ilyas Verband, dann auf den Arzt, dann auf das kleine Buffet, als überlege sie, ob gedämfte Ananas, kalter Lachs, poêlierte Feigen, geeiste Pralinen, mit Apfelmus gequirlter Aquavit und chinesische Porzellanschalen mit Vanillepudding medizinisch verwertbar seien. Paloma stand neben einem schweren Samtvorhang und wirkte viel zu unschuldig für eine Frau, die gerade drei Neptuniumringe auf den Weg nach Kuba gebracht hatte.
„Herr Rozanow“, sagte Prinzessin Indulan, „ich bedaure zutiefst, dass Sie in meinem Land verwundet wurden.“
Ilya sah auf, blass, verschwitzt, aber nicht gebrochen.
„Hoheit“, sagte er, „ich wurde schon in schlechteren Ländern schlechter behandelt.“
Shane schloss kurz die Augen.
„Das ist nicht hilfreich“, murmelte er.
Indulan lächelte kaum sichtbar.
„Dann hoffe ich, dass Dänemark sich wenigstens durch die Versorgung verbessern kann; bitte, nehmen Sie Platz.“
Der Arzt dirigierte Ilya mit Cabas und Bauers Hilfe in einen der schweren Samtsessel. Ilya stöhnte kurz verbissen auf, als er sich setzte, streckte dann aber das verwundete Bein aus.
Der Arzt räusperte sich. „Er muss in eine Klinik. Der Splitter ist von Kadett Caba mit medizinischer Präzision entfernt worden, um die nukleare Materie nicht zu lange im Körper verbleiben zu lassen. Trotzdem muss die Wunde gereinigt, untersucht und abgeschirmt nachkontrolliert werden. Der Transport ist unterwegs. Bis dahin sollte er liegen.“ Der Arzt zeigt den Plastikbeutel mit dem Neptuniumsplitter.
„Ich liege nicht“, sagte Ilya.
Caba trat neben den Arzt.
„Der Druckverband hält noch. Puls war unten stabil, aber er hat zu viel Blut verloren.“
Bauer ergänzte: „Und er hat versucht, währenddessen Witze zu machen.“
„Das ist kein medizinisches Symptom“, sagte Ilya.
Prinzessin Indulan sah zu Caba und Bauer.
„Sie beide haben schnell und richtig gehandelt. Dänemark dankt Ihnen.“
Caba wurde rot. Bauer stand noch gerader.
„Hoheit, wir haben getan, was notwendig war.“
„Das ist besser als das, was die meisten tun.“
Dann wandte sich Indulan an den Raum.
„Herr Rozanow und Herr Hollander bleiben hier, bis der Rettungstransport bereitsteht. Diese Loge ist warm, abgeschirmt und diskret. Und sie hat bessere Sessel als jede Tiefgarage.“
Magnus hob die Hand.
„Das kann ich bestätigen.“
Indulan sah ihn an.
„Herr Magnus, Sie begleiten die Kadetten jetzt bitte zu einem Gruppenphoto.“ Im Hinausgehen steckte sie dezent Ilya ein pergamentes Kuvert in den Ausschnitt seines Hemdes, was alle anderen ignorierten, nur Shane besorgt beobachtete.
Magnus blinzelte.
„Jetzt?“
„Ja. Mit mir.“
Mutoi verstand sofort. Indulan fuhr fort: „Kadett Mutoi, Komarova, Kalaschek, Höller, Kromoser, Eder, Köck, Caba und Bauer — Sie alle kommen mit. Der Arzt ebenfalls. Dr. Tiedemann, Frau Amasowa, Paloma, Herr Lodge, Volpe, Klebb, Ravn und Herr Stromberg: Ich bitte Sie, uns ebenfalls kurz zu begleiten. Die Schülerzeitung wird sonst behaupten, Dänemark habe keine Zeugen.“
Der Arzt sah zu Ilya.
„Ich möchte ihn nicht allein lassen.“
Shane sagte: „Er ist nicht allein.“
Der Arzt musterte ihn.
„Falls er aufsteht, setzen Sie ihn wieder hin.“
„Mit Vergnügen.“
„Sanft!“
„Weniger Vergnügen, aber ja.“
Ilya blinzelte mit einem Auge.
„Ich höre euch.“
„Gut“, sagte Shane. „Dann spar’ dir die Arbeit.“
Einer nach dem anderen verließ den Raum. Claudia warf Shane noch einen Blick zu. Anya sah Ilya an, dann Shane, dann sagte sie nichts. Paloma legte kurz die Hand auf die Türklinke, als wolle sie etwas sagen, entschied sich dagegen und ging. Stromberg folgte Indulan mit der Gelassenheit eines Mannes, der selbst bei einer Niederlage noch nach Häfen roch. Mutoi führte die Kadetten hinaus, Köck und Magnus am Ende.
Die Tür schloss sich.
Zum ersten Mal an diesem Abend war es wirklich still.
Nur zwei Männer in einer roten Samtloge, über einer Eishalle, die plötzlich viel zu weit weg wirkte.
Shane blieb neben Ilyas Sessel stehen.
„Du solltest liegen.“
„Du solltest weniger Befehle geben.“
„Ich hatte heute einen Puck, einen Reaktor, eine sowjetische Agentin, eine hessische Physikerin, Kuba, Stromberg und österreichische Kadetten. Befehle sind das Einzige, was noch einfach klingt.“
Ilya sah zur Glasfront. Unten lag das Eis glatt und leer. Er zog das Pergament aus seinem Hemd und öffnete das Kuvert. Darin war ein handgeschriebenes Billet: Jährliche Studenten-Masquerade Baile de máscaras para los jóvenes 13. Dezember 2026.
„Ich will nach Cartagena“, sagte er, als er von dem Billet aufschaute.
Shane sah ihn an.
„Das ist deine medizinische Schlussfolgerung?“
„Ja.“
„Du hast einen radioaktiven Splitter im Bein gehabt.“
„Nicht mehr.“
„Das ist nicht der Punkt.“
„Doch. Genau deshalb.“
Shane setzte sich auf die Armlehne des Sessels, vorsichtig genug, Ilya nicht zu berühren, nah genug, dass es trotzdem zählte.
„Warum Cartagena?“
Ilya schwieg einen Moment.
Dann sagte er: „Weil mir ein maskierter Ball gerade ehrlicher vorkommt als alles hier. Und weil ich bis Dezember sowieso alles gewonnen haben werde, was wichtig ist.“
Shane sah hinunter aufs Eis.
„Ein Ball ist ehrlicher als ein Puck?“
„Ja. Da tragen alle Masken und tun nicht so, als wären es Gesichter, jeder darf das sein, was er will.“
Das traf Shane stärker, als er erwartet hatte, entweder, weil es stimmte, oder, weil Ilya es in diesem Zustand sagte: blass, verletzt, zu stolz, erschöpft und trotzdem scharf genug, um einem ganzen Abend den Schmuck abzuziehen.
Shane nahm das Billet und betrachtete es: schwarzes Papier, goldene Prägung, ein Wappen aus Masken, Palmen, Mond und Meer. Darunter stand in eleganter Schrift:
„Das ist der exklusivste Studentenmaskenball der Welt.“
„Ich weiß.“
„Wie kommt eine dänische Prinzessin an eine Karte?“
Ilya schloss die Augen.
„Prinzessinnen haben eigene Druckereien.“
Shane musste trotz allem lachen. Leise und kurz. Auf der Rückseite heftete eine kleine handschriftliche Karte.
Shane las sie vor.
„Zur Erholung. Und für Abstand vom Eis. — Indulan.“
Shane sah die Karte an, dann Ilya und dann die leere Eisfläche.
„Du kannst mit dem Bein nicht tanzen.“
„Ich kann sitzen und besser aussehen als alle, die tanzen.“
„Das stimmt leider.“
„Du kannst tanzen.“
„Ich?“
„Du bist Commonwealth. Ihr tanzt bei jeder Krise, damit niemand merkt, dass ihr sie mitgebracht habt.“
Shane legte die Karten zurück in den Umschlag.
„Ich weiß nicht, ob ich nach allem mit dir nach Cartagena fahren sollte.“
Ilya sah ihn diesmal direkt an.
„Ich weiß auch nicht viel.“
Das war für Ilya beinahe eine Beichte.
Shane wartete.
„Ich könnte auch Svetlana mitnehmen. Oder euch beide? Dann gäbe es kein Gerede.“ Ilya atmete flach ein, hielt kurz inne, bis der Schmerz vorbeiging, und sagte dann leiser: „Aber ich weiß, dass ich heute fast in der Eiszeit gelandet wäre, danach fast in einer Tiefgarage verblutet wäre. Und deshalb will ich nicht als Nächstes wieder auf Eis stehen müssen.“
Shane sagte nichts.
„Ich will Musik“, sagte Ilya. „Wärme unter Masken. Menschen, die lustvoll offiziell lügen. Und ich will fünf Minuten, in denen niemand einen Puck, einen Ring oder einen Ozean in meine Richtung schiebt.“
Shane sah ihn lange an.
„Fünf Minuten?“
„Cartagena“, sagte er. „Aber bis dahin sind noch zehn Monate?“
Ilya lehnte den Kopf zurück.
„Cartagena. Ja, aber bis zur Ankunft der Sanitäter haben wir noch zehn Minuten. Und diese samtige Loge ist doch abhörsicher, hat die Prinzessin gesagt.“
„Doch nicht hier?“
Ilya grinste schwach: „Der Doktor hat gesagt, mein Kreislauf muss angeregt werden.“
Shane sah zur Tür und dann zu ihm. „Du bist unmöglich.“
„Ich bin der Patient, also habe ich immer recht. Und ich kann nicht aufstehen, aber du kannst dich hinknien. Oder?“
Unten in der Arena ging ein Teil der Beleuchtung aus. Das Eis wurde dunkler, ruhiger, weniger wie eine Bühne und mehr wie eine Erinnerung.

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