Der Lastenaufzug

49 0 0

Ein tiefes Rumpeln lief durch die Tiefgarage, erst kaum mehr als ein Zittern im Beton, dann ein metallisches Knirschen aus der Wand hinter der Laderampe. Alle hörten es. Ravn unten mit ihrer Sicherheitstruppe. Claudia neben den zwei Fässern. Anya an der offenen Fahrertür des Servicewagens. Shane bei Ilya, dessen Oberschenkel inzwischen so fest verbunden war, dass er aussah, als habe ihn jemand für einen sehr schlechten Mannschaftsarztpreis nominiert. Und hinter den Autos und Säulen die Kadetten, die jetzt endgültig begriffen hatten, dass Betonstockschießen selten mit bewaffneten Sicherheitskräften endete.
Magnus hob vorsichtig den Kopf hinter einer Limousine.
„Das ist jetzt wahrscheinlich nicht Francine de la Motte.“
„Oder Prinzessin Indulan“, flüsterte Kniewallner.
„Vielleicht die Feuerwehr?“, hoffte Neuber.
„Die Feuerwehr fährt selten Lastenaufzug“, murmelte Shane.
Das Tor des Lastenaufzugs glitt auf.
Stromberg trat heraus.
Er trug den Abendanzug noch immer so, als sei der ganze Keller nur ein sehr schlecht beleuchteter Nebenraum seiner eigenen Welt. Der Haifischzahn, den er als Amulett trug, flackerte kurz im Licht der energiesparenden LED-Lampen. Hinter ihm kamen drei Menschen, die in jeder normalen Tiefgarage sofort aufgefallen wären und in dieser nur deshalb nicht grotesk wirkten, weil der Abend den Maßstab längst verloren hatte.
Truman Lodge kam zuerst: schmal, korrekt, mit einer Aktentasche aus schwarzem Leder und dem Gesicht eines Mannes, der in einer Schießerei noch die Abschreibungsmöglichkeiten prüfen würde.
Neben ihm trat Fiona Volpe aus dem Aufzug, rotblond, elegant, mit einem Mantel über dem Arm und einem Blick, der selbst Betonpfeiler dazu gebracht hätte, sich für unvorteilhaft beleuchtet zu halten.
Zuletzt kam Rosa Klebb. Klein, hart, unbewegt. Sie trug dunkle Handschuhe, einen grauen Mantel und die Haltung einer Frau, die nicht drohte, weil sie Drohung für eine Zeitverschwendung hielt.
Die Kadetten hinter den Autos starrten.
„Wer sind die?“, flüsterte Berger.
„Erwachsene“, sagte Magnus.
Stromberg sah die Plastikmüllreste, die Kadetten, die Fässer, die Ringe, die Pistolen, den blutenden Ilya und schließlich Claudia an.
„Meine Damen“, sagte er. „Meine Herren. Und offenbar Österreich.“
Niemand lachte.
Magnus hob trotzdem kurz die Hand.
„Hessen ist auch da.“
„Ich sehe es“, sagte Stromberg. Er sah auf die zwei Fässer.
„Dr. Tiedemann, ich würde an Ihrer Stelle nicht zu lange neben diesen gefährlichen Fässern stehen, selbst mit Schutzkleidung. Und angesichts der offensichtlichen Verwundung von Herrn Rozanow sollten wir nicht länger als nötig diskutieren.“ Er gab einen Wink an Lodge.
Lodge trat neben Stromberg und öffnete seine Aktentasche. Papiere, ein kleines Funkgerät, zwei versiegelte Umschläge und ein silberner Füllhalter.
„Die Fässer können sofort in einen gesicherten Transport überführt werden“, sagte er. „Für Hessen kostenfrei. Zusätzlich übernimmt die Strombergstiftung die technische Erneuerung eines Teilbereichs in Winden. Unter einer Verschwiegenheitsvereinbarung, versteht sich.“
Claudia lachte nicht. Das war schlimmer.
„Sie versuchen, mir mit Atommüll und Baukostenzuschuss den Mund zu stopfen?“
„Ich versuche, eine Lage zu ordnen“, sagte Lodge. „Das ist meist billiger als sie zu erklären.“
Anya hielt die Pistole halb gesenkt, aber nicht weg.
„Ilya bekommt zuerst medizinische Versorgung.“
Stromberg sah zu Ilya.
Der saß bewußtlos im Ladebereich des Lieferwagens neben den drei Neptuniumringen und neben Shane, der ihn verzweifelt festhielt. Caba drückte weiterhin professionell auf den Verband, Bauer hielt die restlichen Kompressen bereit und sah aus, als würde sie jedem Erwachsenen ins Gesicht beißen, der den Patienten jetzt als Verhandlungsmasse behandelte.
„Ein Arzt ist unterwegs“, sagte Stromberg.
Volpe trat einen Schritt vor. Ihre Stimme war weich genug, um nicht nach Befehl zu klingen.
„Er blutet. Wir können hier über Weltpolitik sprechen, oder wir können den Mann nicht verbluten lassen. Ich habe Verbandsmaterial im Aufzug.“
Caba sah sie misstrauisch an.
„Sie sind Ärztin?“
Volpe lächelte.
„Nein. Aber ich habe Männer in schlechterem Zustand länger am Leben gehalten, als sie es verdient hatten.“
Klebb ging ohne jede Eleganz zu Ilya hinüber. Shane spannte sich sofort an.
„Finger weg.“
Klebb sah ihn an.
„Wenn ich ihm schaden wollte, hätte ich es getan, bevor Sie Ihren britischen Heldenblick gefunden hätten.“
„Commonwealth“, murmelte Fliesser.
„Was?“ knurrte Klebb in seine Richtung.
„Er spielt im Team des Commonwealthverteidigungspaktes heute Abend.“
„Mir gleich.“
Sie kniete sich nicht ganz hin, sondern beugte sich über den Verband, prüfte mit überraschender Sachlichkeit die Blutung und sah dann Caba an.
„Gut gemacht.“ Halten sie ihm etwas scharfes unter die Nase, Schnaps oder Benzin, damit er wieder aufwacht. In Afghanisatan haben wir das auch gemacht. Das hilft mehr als jedes Riechsalz.
Caba blinzelte.
„Danke.“
„Nicht danken. Weiterarbeiten!“
Bauer schob Ilyas Bein auf eine gefaltete Decke. Shane half, obwohl er Klebb keine Sekunde aus den Augen ließ.
Claudia rief von den Fässern herüber: „Und jetzt reden wir über Zeit. Diese zwei Behälter stehen hier nicht für dekorative Spannung. Je länger sie offen herumstehen, desto mehr steigt das Risiko, dass irgendjemand in dieser Garage eine sehr schlechte Geschichte mit nach Hause nimmt.“
Stromberg blickte zu Lodge.
Lodge nickte knapp.
„Die Fässer gehen nach Winden. Gratis. Kein Zoll, keine Gebühren, kein Papier, das Sie belastet. Dazu eine jährliche Entsorgungsvergütung.“
Claudia sagte: „Sie verwechseln mich mit einem Ministerium.“
„Nein“, sagte Lodge. „Ministerien sind billiger.“
Anya trat vor.
„Und die Ringe?“
Strombergs Gesicht blieb ruhig, aber seine Augen änderten sich.
„Die Ringe bleiben hier.“
„Drei sind nicht mehr hier“, sagte Shane.
Stromberg sah ihn an. Es war der erste Moment, in dem sein Gesicht wirklich innehielt.
„Wie bitte?“
Anya sagte: „Paloma ist mit drei Ringen auf dem Weg zum Hafen.“
Stille. Nicht die stille Art, in der niemand etwas zu sagen wusste. Jene andere Stille, in der alle plötzlich verstanden, dass ein Machtmensch etwas verloren hatte, das er nicht verlieren wollte.
Stromberg drehte den Kopf langsam zu Ravn.
Ravn stand unten an der Rampe, zwischen ihren Wachen, und sah aus, als wäre sie lieber von allen Plastikskulpturen gleichzeitig erschlagen worden.
„Sie haben mir gesagt, die Ringe seien gesichert“, sagte Stromberg.
Ravn antwortete nicht sofort.
Klebb schnaubte leise.
„Das heißt nein.“
Volpe sah zu den Kadetten hinter den Autos. „Wer ist mit ihr gefahren?“
Hinter einer Säule hob Guldovacz zögernd die Hand.
„Mutoi, Komarova, Kromoser, Eder, Höller und Kalaschek.“
„Sie haben die halbe österreichische Schulvertretung mit Neptunium nach Kuba geschickt?“, fragte Lodge. „Wissen Sie, was das kostet und wie ineffizient das ist?“
Magnus räusperte sich.
„Zum Hafen. Kuba kam in der Ausschreibung nicht ausdrücklich vor.“
„Schweigen Sie!“, schrie Ravn.
„Ich stehe hinter einem Auto, weil Sie auf eine Qualle geschossen haben. Ich finde, ich darf sprechen.“
Stromberg sah nicht amüsiert aus. Er sah auch nicht wütend aus. Das wäre einfacher gewesen. Er sah zerknirscht aus, was bei ihm gefährlicher war, weil es bedeutete, dass er rechnete.
„Mit drei Ringen“, sagte er leise, „kann ich die Maschine nicht wieder anfahren.“
Claudia hörte es sofort.
„Ihre private Eismaschine?“
Stromberg sah zu ihr.
„Nennen Sie es nicht so!“
„Doch. Ich glaube, genau so nenne ich es jetzt.“
Anya trat näher.
„Sie brauchen alle sechs Phasenanker.“
„Für Stabilität“, sagte Claudia. „Drei reichen vielleicht für Daten, aber nicht für ein sauberes Portal.“
Stromberg schwieg. Das bestätigte alles.
Fließer durchschaute es als erster: „Also ist Ihr Ozeangerät gerade halb kaputt?“
Stromberg sah ihn an.
„Junger Mann, Sie verstehen nicht, worum es geht.“
„Doch“, sagte Fließer. „Sie wollten mit sechs Ringen etwas fahren. Jetzt fehlen Ihnen drei Ringe und mit der Hälfte ist es nicht möglich.“
Volpe lächelte, obwohl es unklug war.
Lodge klappte seine Aktentasche wieder halb zu.
„Dann ist die Verhandlungslage einfacher. Sie geben uns die drei verbliebenen Ringe. Wir geben medizinische Hilfe, öffnen ein Tor und erlauben den Abtransport der Fässer nach Winden.“
Anya sagte: „Und Paloma?“
„Wird am Hafen gestoppt.“
„Von wem?“
Stromberg sagte nichts. Ravn hob das Funkgerät. Anya hob die Pistole.
„Nicht.“
Ravn hielt inne.
Klebb sah zu den Fässern.
„Sie blufft nicht.“
Stromberg hob langsam beide Hände, nicht als Kapitulation, sondern als Geste eines Mannes, der beschloss, noch nicht alle Möbel anzuzünden.
„Dann ein anderer Vorschlag. Dr. Tiedemann, Sie bekommen den Abfall und Zugang zur Reaktortechnologie, soweit sie Ihr Kraftwerk retten kann. Frau Amasowa, die Sowjetunion bekommt eine Kopie der Daten über die Gezeiten- und Kühlungseffizienz. Keine Portalunterlagen. Herr Hollander geht zu de la Motte und sagt ihr, Lind habe in Panik übertrieben. Herr Rozanow bekommt einen Arzt. Die Kadetten bekommen eine wunderbare Exkursionserinnerung und sagen nie wieder das Wort Neptunium.“
„Zu spät“, flüsterte Bögös hinter dem Wagen.
„Ich habe es schon dreimal gedacht“, sagte Kassan.
Claudia starrte Stromberg an.
„Sie glauben wirklich, Sie können das alles noch in Gesellschaftsform bringen.“
„Ich glaube, dass die Welt besser mit nützlichen Lügen funktioniert als mit panischen Wahrheiten.“
Anya sagte: „Sie vergessen die drei Ringe.“
Stromberg nickte langsam.
„Nein. Ich denke an nichts anderes.“
Volpe trat näher an Anya heran in den Bereich, in dem Worte persönlicher wurden.
„Sie wollen diese Technologie nicht in Kuba. Sie wollen sie dort auch nicht erklären. Paloma wird damit handeln, nicht schützen. Sie wissen das.“
Anya hielt ihren Blick.
„Und Sie?“
„Ich schütze gar nichts. Ich überlebe beruflich.“
„Ehrlich“, sagte Anya. „Fast erfrischend.“
Klebb wandte sich an Shane.
„Sie wollen de la Motte. Warum?“
Shane sah zu Stromberg, dann zu Claudia.
„Weil Lind mir den Auftrag gab.“
„Lind ist weg.“
„Sein Auftrag nicht.“
Anya sah zu den beiden und dann zu Stromberg.
„Medizinische Versorgung. Jetzt.“
Stromberg nickte Volpe zu.
Volpe ging zum Lastenaufzug zurück und holte eine kleine schwarze Tasche. Sie reichte sie Caba, nicht Shane, nicht Klebb.
„Sie wirken zuständig.“
Caba nahm sie.
„Bin ich offenbar.“
Klebb trat neben sie und sagte knapp: „Tourniquet nur, wenn es wieder stärker blutet.“
Magnus hob vorsichtig sein Bier.
„Ich bin nur Zeuge.“
In diesem Augenblick rumpelte der Lastenaufzug erneut.
Alle erstarrten. Stromberg drehte sich langsam um. Ravn senkte das Funkgerät. Volpe griff unter ihren Mantel, um eine Pistole zu ziehen.
Klebb stellte sich so, dass ihr kleiner Körper plötzlich eine sehr große Drohung wurde, weil sie einen Schlagring über ihre Finger zog und mit einem Kniff eine vergiftete Spitze aus ihrem Schuh ausfuhr.
Anya richtete die Pistole nicht auf den Aufzug, sondern auf Stromberg, weil sie gelernt hatte, dass man bei Überraschungen den wichtigsten Menschen im Raum kontrollierte.
Shane beugte sich über Ilya.
Die Kadetten verschwanden noch tiefer hinter Autos, Säulen und dem traurigen Rest der Plastikqualle.
Der Lastenaufzug kam nach unten. Langsam. Schwer. Und diesmal wusste niemand, wer darin stand.

Please Login in order to comment!